Dr. Hans Jürgen Luibl
Die Welt lesbar machen
Ich wurde Babysitter. Etwas ungewöhnlich für einen jungen Nachkonfirmanden. Ungewöhnlich auch, dass er die Kleinen im Pfarrhaus hüten sollte. Doch was macht man abends, wenn die Kleinen schlafen? Da gab es die Privatbibliothek des Pfarrers: Gedichte, Philosophisches, Aktuelles und vieles mehr. Auch Theologisches. Dazu eine Flasche exotischen Fruchtsaft. Viel habe ich damals noch nicht verstanden. Doch manches ist hängen geblieben, Denk-Anstöße, Sprachbilder. Was das alles mit Glauben zu tun hatte? Keine Ahnung.
Das war auch gar nicht so wichtig, schon gar nicht beim Fußballspielen und bei den Mädchen. Doch die fremden Sprachwelten blieben. Und es zeigten sich auch überraschende Verbindungen: Was der Pfarrer in der Predigt sagte klang irgendwie ähnlich wie die eine Idee aus einem Buch, nur lebendiger. Oder nicht? Und wenn man's selber verknüpfte? Schrille Dissonanzen, Blödsinn, Gelächter. Aber auch überraschende Entdeckung versteckten Gleichklangs. Vieles ist verschwunden im Laufe der Zeit. Manches mit dem Pfarr-Beruf gewachsen: die Freude am genauen Hinhören und darüber reden, gemeinsam fremde Sprachwelten er-hören. Glaubenswelt und Lebenswelt gehören zusammen, sagt die Theologie. Philosophisch gewendet: die Welt lesbar machen und den Glauben darin entziffern. Das schmeckt noch heute gut, nach Poesie und exotischem Fruchtsaft der frühen Jahre.
DR. HANS JÜRGEN LUIBL ist Pfarrer und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschft Evangelische Erwachsenenbildung in Bayern, von bildung evangelisch in Erlangen und bildung evangelisch in Europa (beE). Er lebt in Poxdorf bei Erlangen. Er ist auch Mitinitiator und unermüdlicher Ideengeber von »Basiswissen Christentum«.
