Dr. Heiner Aldebert

Ein letzter Halt bei Gott

Dr. Heiner Aldebert  Ich bin in den 60-er Jahren in einem bayerischen Pfarrhaus aufgewachsen, mit allem, was dazugehörte.

So ein Gefühl von mittendrin, die Feste, die Menschen. Der Gemeindeausflug kam mir vor wie eine Völkerwanderung. Die alte Mesnerin mit ihren wabernden Oberarmen, die sie zum Schutz gegen Rheuma mit Brennnesseln auspeitschte.

Der eigene Vater, irgendwie entrückt im Talar, an Weihnachten und auch sonst natürlich eher fehlend, weil mit der Rettung der Welt beschäftigt. Tief bewegt hat mich mein erstes Abendmahl bei der Konfirmation, ich hatte wirklich das Gefühl, jetzt kann mir nichts (mehr) passieren.

Vieles davon hab ich später abgelehnt, musste es ablehnen als zu normal, zu selbstverständlich. Ich begann, die Mitte am Rand zu suchen, auf den Kirchentagen, bei Freunden in der DDR, Kirche ohne gesellschaftlichen Konventionsstatus. Die Methode des Bibliodramas wurde für mich nach Jahren von wissenschaftlichen Durchschauungsversuchen des Christentums zur Wiederverzauberung in einer prozessorientierten Gruppenlektüre, so etwas wie erspieltes Urchristentum.

Mein persönlicher Glaube ist in alledem im Kern der gleiche geblieben: ein sehr persönliches Gefühl eines letzten Haltes bei Gott, den ich in so manchen sehr schwierigen Momenten ganz dringend gebraucht habe und noch brauche. Woran ich glaube? Ohne lebendige Gottesdienste und Gemeinschaft geht gar nichts. Konventionalismus ist der Tod.
 
DR. HEINER ALDEBERT ist Pfarrer und Inhaber der Koordinationsstelle für Medizin­ethik der bayerischen Landeskirche am Institut »Technik Theologie Naturwissenschaften« an der LMU München.