Helmut Frank
Jesus – Bruder und Meister
Es war wie eine Zeitreise, der Besuch bei meinen drei Großtanten auf einem Bauernhof auf der Schwäbischen Alb. Das bäuerliche Leben des 19. Jahrhunderts hatte sich hier konserviert. Statt Fernseher und Radio gab es bei den Tanten mehrmals täglich einen Plausch am Gartenzaun, statt eines Kühlschranks hatten sie eine gut gefüllte Speisekammer. Der Apfelmost kam aus dem Keller, die frischen Eier von den Hühnern im Garten.
Die Welt von Friederike, Marie und Eva lag für mich auf dem Weg nach Tübingen, wo ich Evangelische Theologie studierte. Bei den Besuchen war für viel Gesprächsstoff gesorgt, denn jede von den dreien war in einer anderen pietistischen Gemeinschaft beheimatet: Friederike betete bei den Stundenbrüdern, Marie las die mystischen Schriften eines Johann Keller, Eva sang die Lieder aus Johann Michael Hahns Liederkästlein. So manche Sonderlehre hat sie zu Spitzfindigkeiten und auch kleineren Streitereien geführt, aber alle drei hat der tiefe Glaube an den Herrn Jesus und das gemeinsame Bibellesen verbunden.
Welch ein Kontrast: hier die Universitätstheologie, dort der glühende Jesus-Glaube der Schwestern. Erstaunlicherweise war das keine enge fromme Welt, ihr Glaube hatte einen weiten Horizont. Sie glaubten zum Beispiel an die Rettung aller Menschen, weil doch Jesus ins Totenreich hinabgestiegen ist, um dort den Gefangenen zu predigen. Ihr Glaube hat mich geprägt und begleitet meine Theologie bis heute.
HELMUT FRANK ist evangelischer Theologe und Chefredakteur des Sonntagsblatts.
