Melitta Müller-Hansen
Glaube und Glück
Drei Jahre alt war ich vielleicht, als ich auf dem Schoß meiner Mutter mein erstes »Glaubensglück« erlebte. In unserer alten Dorfkirche in Siebenbürgen saß sie mit mir in der Kirchenbank, und ihr Bauch in meinem Rücken vibrierte. Meine Mutter sang und hüllte mich ein in Klang und Wärme. Sie war so ansteckend glücklich dabei und die anderen um uns herum irgendwie auch. Vielleicht kommt daher meine Sicherheit, dass Glauben und Glück Synonyme sind. Und dass Glauben Bindungen schafft, die weit über verwandtschaftliche Verbundenheit hinausgehen. Ich glaube nicht gerne für mich allein, ich brauche das Gespräch, das gemeinsame Singen und Beten, die Gemeinschaft der Heiligen. Ich brauche auch das Gespräch mit denen, die nicht glauben, anders glauben. Seit sechs Jahren arbeite ich mit im Vorstand der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, weil mir dieser Dialog sehr am Herzen liegt.
Aber auch das Bedürfnis nach Rückzug, Alleinsein, Schweigen habe ich immer wieder. Und Glaube bekommt eine neue Facette für mich: Den lebendigen Christus finde ich nur über meine Person, über meine Geschichte und mein unverwechselbares Wesen. »Gotteserkenntnis ohne Selbsterkenntnis führt in die Überheblichkeit. Selbsterkenntnis ohne Gotteserkenntnis führt in die Verzweiflung«, hat ein Philosoph treffend formuliert. Durch innere Einkehr finde ich immer wieder das große Glück des Glaubens: geborgen und frei zu sein.
MELITTA MÜLLER-HANSEN arbeitet als Pfarrerin im Büro der Rundfunkbeauftragten der bayerischen Landeskirche.
