4. Die Zehn Gebote

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Glaubenskurs Teil 4: Die Zehn Gebote und die abendländische Kultur

 
Der Dekalog zählt zu den Grundlagen der abendländischen Kultur. Doch immer wieder wurden die Zehn Gebote neu gefasst: von Moralisten, Weltverbesserern und Diktatoren.
 
»Hört, Ihr Leut', und lasst euch sagen: / Unsre Glock' hat zehn geschlagen! / Zehn Gebote setzt Gott ein. / Gib, dass wir gehorsam sein!« Mit diesen Worten erinnert das sogenannte Nachtwächterlied an ein zentrales Dokument des jüdischen und zugleich des christlichen Glaubens, das sowohl in der Menschenrechtscharta der Vereinten Nationen als auch im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland seinen Niederschlag gefunden hat. Der wissenschaftliche Name »Dekalog« stammt aus dem Griechischen und heißt auf Deutsch »Das Zehnwort«.

Nach der biblischen Überlieferung ist Mose während der Wüstenwanderung des Volkes Israel (2. Mose 15-18) auf den Berg Sinai gestiegen und hat dort die Zehn Gebote erhalten, die Gott eigenhändig in zwei Steintafeln gemeißelt hat. Diese beiden Tafeln zerbricht Mose im Zorn, als er bei seiner Rückkehr erkennt, dass sich sein Volk von Gott abgewandt hat und stattdessen um ein Goldenes Kalb tanzt (2. Mose 32,19).

Nach der Zerstörung dieses Götzenbildes (2. Mose 32,20) begibt sich Mose erneut auf den Berg Sinai, um Gott gnädig zu stimmen. Als Zeichen der Vergebung erhält er zwei neue Steintafeln, die zunächst in einem geweihten Holzkasten, der sogenannten Bundeslade, aufbewahrt werden und später von König Salomo in den neugebauten Tempel überführt werden.

Die Zehn Gebote werden somit zur Gründungsurkunde des ersten Staates Israel, dessen Bestand - nach Überzeugung der Propheten - von der Einhaltung dieses Gesetzes abhängt. Doch auch nach dem Zerfall des Staates und der Zerstörung des Tempels bleibt der Dekalog ein wesentlicher Bestandteil der jüdischen Identität.

DIE ZEHN GEBOTE STEHEN in der hebräischen Bibel an zwei unterschiedlichen Stellen: zunächst im 2. Buch Mose, das in der theologischen Wissenschaft »Exodus« genannt wird, weil es vom »Auszug« des Volkes Israel aus Ägypten berichtet, und dann im 5. Buch Mose, das »Deuteronomium« oder »zweites Gesetz« genannt wird, weil es eine Wiederholung des Dekalogs und anderer Gesetzestexte enthält.

Es gibt zwei Unterschiede zwischen beiden Fassungen: Während Exodus 20,1-17 das Sabbatgebot mit der Ruhe Gottes nach der Schöpfung begründet, erinnert Deuteronomium 5,6-21 an den Auszug aus Ägypten, der wiederum das Ruherecht der Sklaven begründet. Während der Exodus-Text noch den Nomaden ermahnt »Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus!«, appelliert das Deuteronomium bereits an einen Hausbesitzer: »Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau!«. Beide Unterschiede lassen eine kulturelle Entwicklung von der ersten zur zweiten Fassung erkennen.

In der Einteilung und Zählung der Zehn Gebote gibt es Unterschiede zwischen Juden und Christen, aber auch zwischen den großen Konfessionen. Während die Juden die Selbstvorstellung Gottes besonders hervorheben, halten die evangelisch-reformierten Christen »Du sollst dir kein Bildnis machen« für ein eigenständiges Gebot. Katholiken und Lutheraner fassen die Selbstvorstellung Gottes und das Fremdgötterverbot im ersten Gebot zusammen, lassen das Bilderverbot weg und zerlegen dafür das Gebot »Du sollst nicht begehren ...« in zwei Bestandteile:

  1. Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst nicht andere Götter haben neben mir.
  2. Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht unnütz gebrauchen; denn der Herr wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht.
  3. Du sollst den Feiertag heiligen.
  4. Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass dir's wohlgehe und du lange lebst auf Erden.
  5. Du sollst nicht töten.
  6. Du sollst nicht ehebrechen.
  7. Du sollst nicht stehlen.
  8. Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.
  9. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus.
  10. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau, Knecht, Magd, Vieh noch alles, was sein ist.

In der christlichen Kunst werden die Zehn Gebote in der Regel auf zwei Tafeln dargestellt: Die Gebote 1 bis 3 beziehen sich auf das Verhältnis des Menschen zu Gott und bilden die erste Tafel. Die Gebote 4 bis 10 beziehen sich auf das Verhältnis des Menschen zum Mitmenschen und bilden die zweite Tafel.

Nur das zweite Gebot enthält eine Strafandrohung: »... denn der Herr wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht«. Nur das vierte Gebot enthält eine Verheißung: »... auf dass dir's wohlgehe und du lange lebest auf Erden«.

IM NEUEN TESTAMENT wird der Dekalog als gültige Grundlage des jüdischen Glaubens vorausgesetzt, aber an keiner Stelle in voller Länge wiedergegeben. Stattdessen werden die Zehn Gebote zusammengefasst zum »Doppelgebot der Liebe« (Lukas 10,25-28). Ein Schriftgelehrter fragt: »Was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe?« Jesus fragt zurück: »Was liest du?«. Da antwortet der Schriftgelehrte: »Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben von ganzem Herzen (...) und deinen Nächsten wie dich selbst«. Da sagt Jesus zu ihm: »Tu das, so wirst du leben«.

An diese Begegnung hat der Evangelist Lukas zwei Geschichten angefügt: Das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter erklärt den zweiten Teil des Doppelgebots, die Erzählung von Maria und Martha den ersten. Nur an einer Stelle zählt Jesus einzelne Gebote auf - und zwar in seiner Begegnung mit dem reichen Jüngling (Markus 10,17-27).

Der Jüngling fragt: »Was soll ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe?«. Da antwortet Jesus: »Du kennst die Gebote: Du sollst nicht töten! Du sollst nicht ehebrechen! Du sollst nicht stehlen!«. Da behauptet der Jüngling: »Das habe ich alles gehalten«. Darauf sagt Jesus zu ihm: »Eines fehlt dir: Geh hin und verkaufe alles, was du hast ...«

Die Zehn Gebote werden von Jesus nicht aufgehoben, sondern sie werden verschärft. In seinen »Widerreden« - auf lateinisch »Antithesen« - der Bergpredigt erklärt er den hinter dem Wortlaut liegenden Sinn der Gebote: »Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde« (Matthäus 5,43f.).

Das heißt: Jesus fragt nicht nach dem Buchstaben des Gesetzes, sondern er fragt nach der Gesinnung des Menschen, der sich darauf beruft: »Wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter« (Markus 3,35).

Daran knüpft auch der Apostel Paulus an: Für ihn ist Jesus der einzige Mensch, der den Willen Gottes voll und ganz erfüllt hat. Alle anderen Menschen scheitern am Gesetz und können nur darauf vertrauen, dass Jesus in Kreuz und Auferstehung alles getan hat, was zu ihrem Heil notwendig ist.

Der Kirchenvater Augustinus (354-430) hält das Gesetz nicht für heilsnotwendig. Er vertritt vielmehr die Überzeugung, dass ein Christ auf jede Form der Reglementierung verzichten kann, weil ihm der Glaube durch die Kraft des Heiligen Geistes den rechten Weg weist: »Liebe - und dann tu was du willst«.

AUCH MARTIN LUTHER lehnt das Gesetz - nach seiner reformatorischen Entdeckung - als Heilsweg grundsätzlich ab...
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