3. Befreiung und Exodus

Der Auszug Israels aus der Sklaverei in Ägypten, der 40-jährige Marsch durch die Wüste und der Einzug ins gelobte Land sind bis heute Wegmarken für eine Theologie der Befreiung. » Weiterlesen!
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Ergänzende Texte zu dieser Folge:
Der Weg in die Freiheit
Glaubenskurs Teil 3: Befreiung und Exodus - Wüste und gelobtes Land
Der Auszug Israels aus der Sklaverei in Ägypten, der 40-jährige Marsch durch die Wüste und der Einzug ins gelobte Land sind bis heute Wegmarken für eine Theologie der Befreiung.
Am Anfang war die Befreiung. Das alte Bekenntnis zum Gott Israels, JAHWE, »der dich aus Ägypten herausgeführt hat«, steht über 200 Mal im Alten Testament. Kaum eine andere Geschichte hat die Identität des Volkes Israel, seine Bräuche und Feste, seine Werte und Gesetze, mehr geprägt als die Erinnerung an den »Weg heraus«. Das ist die wörtliche Übersetzung des Begriffes »Exodus«, der im gleichnamigen Buch, im 2. Buch Mose, in der Bibel beschrieben wird.
Was ist der historische Hintergrund dieser prägenden Geschichte? Wie kam es überhaupt dazu, dass Israeliten in Ägypten unterdrückt wurden? Eine Spur führt zunächst in die biblische Erzählung von Josef (1. Mose 37-50), der in dieses Land gekommen war und als hoher Beamter dort lebte.
Die Bibel erzählt, dass Josefs Familie wegen einer Hungersnot schließlich auch nach Ägypten kam. Darin spiegeln sich Fakten der Sozialgeschichte: Trockenheit und Versteppung führten im Altertum häufig dazu, dass hungernde Nomadenstämme in den schmalen, fruchtbaren Streifen Kulturland am Nil drängten.
Dieser große Fluss in dem heißen Land ermöglichte den Menschen Ackerbau und Viehzucht, zwang sie freilich auch, ihr Leben straff zu organisieren: nach außen mussten die Grenzen des langen, unüberschaubaren Niltals gesichert werden; nach innen forderte die Erhaltung und Verbesserung des Landes Kräfte: Nur durch den Bau von Dämmen und Kanälen, Bewässerungsanlagen und Vorratshäusern konnte das Leben gesichert werden. Wo die Bewässerung aufhörte, begann die Wüste.
Außen- und innenpolitische Gegebenheiten erforderten also eine wirkungsvolle politische Organisation und brachten einen effektiv arbeitenden, streng hierarchisch gegliederten Staatsaufbau hervor. An der Spitze stand der Pharao. Dieser Titel bedeutet: »Großes Haus«, ein Inbegriff stabiler Verhältnisse. Priester, Beamte und Wesire, gefolgt von Unterbeamten, Kaufleuten, Handwerkern und Fellachen, den Flussbauern, unterstanden ihm.
Auf der untersten Stufe der Gesellschaft standen die Zwangsarbeiter, eingewanderte Beduinengruppen, die in den Frondienst traten, um ihr Leben zu fristen. Die »Hapiru«, Hebräer, waren eine dieser Gruppen. Wie häufig in der Geschichte waren es gerade diese unterprivilegierten Gruppen, die viele Kinder hatten und als Volk immer größer wurden. Kinderreichtum wurde - gerade unter den Armen - seit jeher als ein Mittel gegen Tod und Bedrohungen aller Art angesehen.
Der Konflikt zwischen der ägyptischen Bauverwaltung und den einstmals freien Nomaden einerseits und der wachsende Ausländeranteil im Ägyptischen Staat andererseits waren also Hintergrund und Nährboden für die Ereignisse des Exodus, wie sie sich vermutlich im 13. Jahrhundert vor Christus unter der Herrschaft Ramses II. abgespielt haben.
Das Buch Exodus lässt sich in drei Themenbereiche gliedern:
1. Die Herausführung aus Ägypten (Kapitel 1-15),
2. Die Wüstenwanderung (Kapitel 16-18),
3. Die Offenbarung Gottes am Sinai (Kapitel 19-20)
Zunächst wird die bedrückende Situation der Israeliten als rechtlose Fronarbeiter in Ägypten beschrieben. Dann kommt Mose ins Spiel, dem Gott eines Tages seinen geheimnisvollen Namen im Brennenden Dornbusch verrät (Ex 3,14): »JAHWE - Ich bin, der ich sein werde«. Nach erfolglosen Verhandlungen mit dem ägyptischen Pharao wird Ägypten von zehn Plagen heimgesucht, deren letzte, die Tötung der Erstgeburt, den Pharao schließlich überzeugt, die Israeliten besser doch ziehen zu lassen. Als das Volk sich gerade am Schilfmeer befindet, jagen ägyptische Truppen den entflohenen Sklaven nach. Die bedrohliche Situation wird durch ein Ereignis gelöst, das man als »Schilfmeerwunder« bezeichnet hat: den Israeliten gelingt es, das Meer zu Fuß zu überwinden, »das der Herr zurückweichen ließ durch einen starken Ostwind« (2. Mose 14,21). Die ihnen folgenden ägyptischen Truppen jedoch werden vom Wasser überspült und kommen um.
Der Sieg der Kleinen, Ohnmächtigen, Benachteiligten gegen eine mächtige, hochgerüstete Übermacht ist ein Motiv, das sich quer durch die Bibel zieht. Davids Kampf gegen Goliath (1 Samuel 17) lässt sich hier ebenso nennen wie das Loblied der Maria, in dem sie Gott preist, der »Gewalt übt mit seinem Arm … Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen« (Lukas 1,51f).
Schließlich ist es der ohnmächtige Christus, der »sich selbst erniedrigte und gehorsam ward bis zum Tod am Kreuz« (Philipper 2,8), der den Tod besiegt und damit allen Benachteiligten, Gequälten, Leidenden und Sterbenden Hoffnung bringt. »Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig« (2. Korinther 12,9) - so fasst der Apostel Paulus später die Erfahrung des überraschenden Eingreifen Gottes - gegen alle menschlichen Erwartungen - zusammen. Es ist Miriam, die Schwester des Mose, die nach der Rettung am Schilfmeer zu ihrer Schellentrommel greift und singt: »Lasst uns dem Herrn singen, denn er hat eine herrliche Tat getan: Ross und Mann hat er ins Meer gestürzt« (2. Mose 15,21). Dieses Befreiungslied einer Frau ist mit hoher Wahrscheinlichkeit der älteste schriftlich überlieferte Teil der Bibel, ein historischer und inhaltlicher Kern der Heiligen Schrift! Das Erlebnis, gerettet zu werden gegen alle Wahrscheinlichkeit, befreit zu werden aus scheinbar fest zementierten Machtverhältnissen, der jubelnde Triumph von Menschen, die zunächst keine Chance mehr für sich sahen, ist eine Erfahrung, die ins Zentrum jüdisch-christlicher Tradition führt...
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