Gott - der Befreier

DIE ALTE GESCHICHTE vom Exodus, vom »Weg heraus« hat Menschen seit jeher berührt und dazu eingeladen, ihre eigene Situation mit dem biblischen Geschehen in Verbindung zu bringen. Das Bild von Gott als einem Befreier, der Partei nimmt für die Leidenden, Unterdrückten, wurde im Lauf der Geschichte mit konkreten politischen Situationen in Zusammenhang gebracht.
SO HABEN DIE SCHWARZEN IN DEN USA ihren Kampf um Bürgerrechte in engem Zusammenhang mit der biblischen Geschichte gesehen. Spirituals und Gospels wie »Let My People Go« oder »Deep River, My Home Is Over Jordan« zeigen, wie sehr sich die Menschen mit der biblischen Exodus-Geschichte identifiziert haben. Der Priester und Liedermacher Wilhelm Willms schrieb 1972 für eine Beatmesse ein Lied, das sich in Deutschland zu einem Kirchentags-Schlager entwickeln sollte: »Wenn das rote Meer grüne Welle hat, dann ziehen wir frei heim aus dem Land der Sklaverei«. 1977 gab der legendäre Reggae-Musiker Bob Marley (Bild) ein Album mit dem Titel »Exodus« heraus. In dem gleichnamigen Song heißt es gebetsähnlich: »Send us another brother Moses! From across the Red Sea!«
SELBST TAGESPOLITISCHE EREIGNISSE werden immer wieder mit dem Exodus in Verbindung gebracht. So war kurz nach der Notlandung des Flugzeuges auf dem Hudson River im Januar 2009 in einem Blog im Internet folgender Eintrag zu lesen: »Das Ereignis symbolisiert in Zeiten harter Unterdrückung durch den Mammon, auch Finanzkrise genannt, eine Art Exodus aus dem »Schilfmeer« in engster Nachbarschaft zum Finanzsumpf. Kapitän Sullenberger (Bild), der immerhin 155 Menschen das Leben rettete - ein neuer Technik-Mose?«
IN DER THEOLOGIE der letzten Jahrzehnte wurde die Exodustradition hauptsächlich in der Befreiungstheologie wichtig. Diese Theologie entstand in den 1960-er Jahren in Südamerika in den Basisgemeinden aufgrund der schwierigen politischen und sozialen Verhältnisse. Sie versteht sich als Theologie von unten und hat als Hauptthema die Befreiung der Armen und Unterdrückten, worin sie das zentrale Motiv der biblischen Heilsbotschaft sieht.
DEM BEGRIFF DER »ERLÖSUNG« kommt dabei eine zentrale Rolle zu. Sie wird nicht mehr rein spirituell oder auf das Jenseits bezogen verstanden, sondern meint konkrete sozialpolitische und ökonomische Veränderungen in der gesellschaftlichen Realität im Diesseits. Der Exodustradition kommt dabei eine Schlüsselrolle zu. Gott wird verstanden als der, »der das Elend seines Volkes sieht, die Schreie über ihre Bedränger hört und ihr Leiden erkennt« (2. Mose 3,7).
BEI EINER KONFERENZ lateinamerikanischer Bischöfe 1968 in Medellín unter Führung des brasilianischen Erzbischofs Dom Helder Camara wurden die »gewaltigen sozialen Ungerechtigkeiten in Lateinamerika« angeprangert und die Option für die Armen zur Leitlinie kirchlicher Arbeit erhoben. Befreiungstheologische Entwürfe haben sich auch in den USA im Kontext der Bürgerrechtsbewegung und in asiatischen Ländern entwickelt.
IN ZEITEN GLOBALER PROBLEMSTELLUNGEN und Krisen (Finanzkrise, Klimaerwärmung, Wassermangel etc.) werden zunehmend auch die Kirchen weltweit herausgefordert sein, sich auf dem Hintergrund ihrer gemeinsamen biblischen Tradition politisch klarer auf Seiten der Benachteiligten unserer Welt zu positionieren.
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