Texte zu Folge 1 (Genesis): Hans Frör

Ich will von Gott erzählen wie von einem Menschen, den ich liebe

Aus: Hans Frör: »Ich will von Gott erzählen wie von einem Menschen, den ich liebe« 14. Auflage 2005, Kaiser-Traktate, Gütersloh, 7,95 Euro, ISBN 978-3-579-06422-2

1
 »Der vierte Schöpfungstag«, Leipzig, 1860.  Bevor es einen Anfang gab – denn die Zeit war noch nicht erschaffen – war Gott der Allmächtige mit sich selbst allein.
Und er sprach zu sich selbst: »Alles ist mir möglich, und nichts entgeht meinem Wissen: Ich kann Welten schaf­fen und auslöschen, und was ich schaffe, das durchschaue ich auch. Im Grunde macht es keinen Unterschied, ob ich mir ein Geschöpf ausdenke oder ob ich es herstelle. Denn mein Wissen hat keine Grenzen und meine Schöpferkraft hat keine Grenzen. Es sind meine eigenen Gedanken, die da Gestalt annehmen.
Alles Geschaffene bleibt ein Teil meiner selbst.
Ich bleibe mit mir allein.
Ich habe es satt, allmächtig zu sein und alles zu wissen. Ich hungere nach Ereignissen, die mich überraschen, die mich verblüffen und in Bann schlagen. Ich sehne mich nach Geschöpfen, die auch anders sein können, als ich es wünsche.«
Und Gott der Allmächtige sann darüber nach, wie er das anfangen könnte. Ein Gedanke reifte in ihm, eine Welt nahm in ihm Gestalt an mit unendlichen Möglichkeiten, so eingerichtet, dass er nicht wissen konnte, welche sich erfüllen würde, so dass er zusehen und warten konnte, was sich ereignete. Und Gott brannte darauf, seinen Plan in die Tat umzusetzen.

2
So schuf Gott die Zeit, zielgerichtet und unumkehrbar, und er schwor sich, sie nicht zu widerrufen.
Mit der Zeit verband er den Raum in drei Dimensionen, und in den Raum setzte er eine unvorstellbare Menge von Materie, zum Bersten aufgeladen mit Energie, voll von Gegensätzen und Spannungen. Er band Materie und Energie an Zeit und Raum, so dass auch nicht ein Teilchen zur gleichen Zeit an verschiedenen Orten sein konnte, und dass keine noch so mächtige Energie einen Körper zeitlos von einem Ort zum andern befördern durfte.
Energie und Materie konstruierte er so, dass sie sich zusammenschließen konnten zu Atomen und weiter zu Molekülen von verschiedenem Aufbau, und er wusste wohl, welche Fülle von Verbindungen sich ergeben könnte. Aber er setzte sie nicht selbst zusammen, sondern überließ das der Zeit.
So schränkte Gott seine Allmacht ein und gab seiner Schöpfung Gesetze, nach denen sie sich selbst entfalten, verändern, aufbauen und umbauen konnte.
Und er schwor, diese Gesetze nicht umzustoßen.

3
Nachdem er alles sorgfältig vorbereitet hatte, gab Gott, der Allmächtige, seine Schöpfung frei.
Da spritzte die Materie auseinander, strahlend in grellem Licht. Weiß glühende Schwaden wirbelten durch den Raum, teilten sich in spiralige Inseln, jede. voll stürmischer Bewegung in sich selbst. Und Gott lachte vor Begeisterung über seine Schöpfung und wartete neugierig, was daraus werden würde.
Er wartete lange. Die Massen begannen Gestalt anzunehmen. Sie sammelten sich an verschiedenen Orten zu rotierenden Scheiben. Die Anziehungskraft drängte sie in der Mitte zusammen, die Fliehkraft hielt andere Teile im Abstand – so wuchsen Sonnen, umkreist von Planeten, um die wiederum Monde kreisten.
Gott beobachtete sie alle, die Sonnensysteme, die riesigen und die kleineren; auch die versprengten Spritzer, die sich nicht so recht einfügten in das Gleichmaß der Bahnen, verfolgte er mit Spannung: vielleicht könnte gerade durch sie etwas Unvorhergesehenes passieren: ein Zusammenstoß, ein Aufprall ­
Die Sterne verströmten ihr Licht. Noch blieb den Sonnen genug Energie, um sehr lange zu leuchten, aber die Planeten und Monde kühlten ab, so dass Unterschiede in den Sonnensystemen. entstanden: Heiße Körper, die ihre Hitze abgaben, und kühlere, die deren Wärme aufnahmen. Auch auf den Planeten selbst gab es Schwankungen, je nachdem welche Seite sie ihrer Sonne zuwandten. Gott rechnete damit, dass diese Unterschiede neue Spannungsfelder erzeugen mussten, und er freute sich auf das Spiel der Kräfte und auf die Welten, die sie formen würden.
  
4
Zum ersten Mal entdeckte Gott in einigen Planeten am Rand der Sonnensysteme flüssige Materie: flüssigen Stein, flüssiges Metall. Bisher war alles glühendes Gas gewesen. Aber als die Planeten abkühlten, sammelte sich in ihrem Kern die schwere Flüssigkeit, verdampfte wieder und tropfte zurück, bildete eine stetig wachsende Kugel mitten in der Hülle aus Gasen.
Und ehe der letzte Planet seinen flüssigen Kern gebildet hatte, beobachtete Gott schon auf anderen Planeten, wie die flüssige Oberfläche gerann, verkrustete zu In­seln aus hartem Gestein, die auf dem glühenden Meer dahin trieben, wuchsen, zerrissen und wieder zusam­menstießen. Kontinente entstanden, Gebirge falteten sich, die Planeten prägten ihr Gesicht durch feste Kon­turen, ein jeder nach seiner Zusammensetzung, nach seiner Geschichte und nach der Entfernung zu seiner Sonne.
Es gefiel Gott, dass die Planeten ein Gesicht bekamen, dass nicht mehr einer wie der andere aussah, und er verfolgte aufmerksam die Auseinandersetzung der drei­fach geformten Materie, der Gase, der Flüssigkeiten und der festen Körper. Er sah zu, wie die wechselnde Sonneneinstrahlung die Gashülle in Bewegung hielt, so dass Stürme über die Berge fegten, wie neue Elemente abgekühlt herabsanken, das Land angriffen und zusam­menflossen zu Strömen, Seen und Meeren. Er sah zu, wie glutflüssiges Gestein die harte Kruste durchbrach, wie Inseln versanken und neue auftauchten, und er genoss den unaufhörlichen Kampf zwischen Beharrung und Veränderung, Aufbau und Abbau.
 
5
Je länger Gott diese Ereignisse an der Oberfläche der kühleren Planeten beobachtete, desto stärker zog es ihn zu den kleinsten Bausteinen der Materie, den Atomen und Molekülen. Im Spannungsfeld von Kälte u_ Hitze gruppierten sie sich zu vielfältigen Gebilden, und jede neue Form hatte besondere Eigenschaften und reagierte auf besondere Weise, wenn sie mit anderen Formen zusammentraf.
Gott fand neben ganz einfachen Molekülen bizarre und komplizierte Zusammensetzungen, dauerhafte Verbin­dungen und kurzlebige Sonderlinge; und immer wieder entdeckte er neue, gewagtere Konstruktionen, die er bisher noch nicht gesehen hatte.
Oft tat es ihm leid, dass sie so schnell wieder zerfielen, kaum dass sie ihre Form gefunden hatten. Er hätte sie gerne festgehalten und den Augenblick ihres Daseins verlängert, aber er dachte an die Abmachung, die er mit sich selbst getroffen hatte, die Gesetze der Schöpfung nicht willkürlich zu verändern. So wartete und suchte er weiter, ob vielleicht einmal solch ein kunstvolles Gebil­de selbst einen Weg fände, dem Zerfall zu entgehen.
Da machte Gott eine Entdeckung: Auf einem kleinen blauen Planeten am Rande des Milchstraßensystems hatte sich etwas ereignet, was neu war in der Schöpfung: Einige komplizierte Moleküle waren zusammengetrof­fen. Ihre Reaktionen hatten sich zu einer eigentümli­chen Wechselwirkung ergänzt: Sie gliederten Teilchen ihrer Umgebung in ihr Gefüge ein, setzten sie ihrer eigenen Struktur entsprechend zusammen und bauten daraus das Spiegelbild ihrer selbst. Dann trennten sie sich von dem Gebilde, das sie erzeugt hatten.
Gott erfasste sofort die umwälzende Bedeutung dieses Ereignisses. Die bei den Molekülgruppen würden sich wieder verdoppeln, vervierfachen, verachtfachen – sie würden sich vermehren und- ausbreiten, solange sie Ma­terial fänden, das sie aufnehmen konnten. Und Material gab es in Fülle.
Gott rechnete sich aus, dass es bald Milliarden davon geben würde. Es würde also nichts ausmachen, wenn Millionen von ihnen, durch irgendeine Störung verän­dert, wieder zerfallen würden.
Eine solche Störung könnte ja auch dazu führen, dass ein neues, noch besseres Wirkungsgefüge entstünde, das sich wieder vermehrte, die bisherige Form überrundete, und wieder ein breites Experimentierfeld für neue For­men bereitstellte.
So beobachtete Gott fasziniert die neue Entwicklung, die seine Schöpfung genommen hatte. Er erlebte, wie immer weitere und verbesserte Gruppierungen funktio­nierten, bis sich schließlich ein Organismus durchgesetzt hatte, der alle Vorformen an Lebenskraft übertraf: die Zelle, deren Kern das Programm enthielt, welches ihr Wachstum und ihre Teilung steuerte.
Gott bewunderte den kunstvollen Aufbau und die präzi­se Funktion dieser Lebenszellen, die bald überall auf der Erde zu finden waren, wo es Wasser und Wärme gab.
 
6
Aber die Entwicklung war noch nicht zu Ende.
Immer wieder glückten neue Varianten, jede einzelne auf Kosten von Millionen missglückter Versuche, aber jeweils diese eine von Millionen, die lebendig blieb, konnte ihre Umwelt wieder um ein kleines Stück besser verwerten, um zu wachsen und sich fortzupflanzen. Ei­nigen Zellen gelang es, die Energie des Sonnenlichts für ihr Wachstum auszunutzen, andere entwickelten Bewe­gungsmechanismen, um schneller Nahrung zu finden, und Orientierungsfunktionen, um die Bewegung ziel­strebiger zu steuern. Viele Zellen spezialisierten sich auf besondere Aufgaben und bildeten mit anderen einen Verband, so dass größere Organismen wuchsen mit be­sonderen Zellen für Orientierung, Bewegung, Nah­rungsverarbeitung und Fortpflanzung.
Dabei tauchte auch ein neuartiger Weg der Vermehrung auf, der sich bewährte und sich deshalb bei den meisten !Lebewesen durchsetzte: Der Organismus verdoppelte sich nicht mehr durch einfache Teilung, sondern er entwickelte besondere Fortpflanzungszellen, die sich nach der Teilung nicht selbst ergänzten, sondern mit einer entsprechenden Fortpflanzungszelle aus einem an­deren Organismus vereinigten.
Gott maß dieser Errungenschaft große Bedeutung bei. Einmal durchschaute er die Vorteile für die weitere Entwicklung: Die Eigenschaften zweier Zellen ver­mischten sich zu einem neuen Ganzen, so dass jedes Lebewesen eine einmalige, nur ihm eigene Prägung bekam. Zum andern konnte er abschätzen, dass damit eine neue Bedingung für das Überleben der Arten gesetzt war, die bei künftigen Lebensformen ihre Wir­kung nicht verfehlen dürfte: Es war ja fortan lebensnot­wendig, dass Organismen der gleichen Art zueinander fanden, damit sich ihre Fortpflanzungszellen vereinigen konnten. Je zielstrebiger ihr Verhalten darauf zusteuern würde, desto sicherer würden sie ihre Art vermehren und andere Arten überrunden.
Gott versuchte, sich den Reichtum der Lebensformen und Verhaltensweisen auszumalen, die wachsen wür­den, um die Geschöpfe zueinander zu führen. Wenn er darüber nachdachte, ahnte er etwas von Lust und Schmerz, von Liebe und Eifersucht, von Glück und Enttäuschung.
Aber Gott machte noch eine weitere Erfahrung, und die bedrückte ihn: Er erlebte das Sterben. Gewiss, er hatte Sterne verglühen, Inseln versinken, Zellen zerfallen se­hen. Manchmal hatte es ihm leid getan, wenn ein beson­ders hübsches Exemplar seiner Schöpfung einer Kata­strophe zum Opfer gefallen war. Aber es war nicht dasselbe gewesen wie die Melancholie, die jetzt über ihn kam.
Er verstand natürlich, dass höher organisierte Lebewe­sen empfindlicher waren und nicht endlos leben konn­ten, ja dass ohne das Sterben keine Weiterentwicklung möglich war. Er redete sich ein, dass es im Grunde für die Schöpfung gut sei, wenn das Schwache und Überal­terte stirbt, untergeht, aufgefressen wird, um jungem, starkem Leben Platz zu machen. Aber so folgerichtig diese Gedanken auch waren, sie konnten Gottes Trau­rigkeit nicht ganz beiseite schieben.
 
7
So erlebte Gott die Entwicklung des Lebens auf der Erde. Er sah zu, wie sich die Pflanzen im Wasser und auf dem Land in unzähligen Formen ausbreiteten, er ver­folgte, wie die verschiedenen Arten der Tiere heran­wuchsen, Würmer und Fische, Krebse, Spinnen und Insekten, wie sie ihre Sinne, ihre Glieder und ihre Bewegung den Anforderungen ihrer Umwelt anpassten. Er sah, wie die ersten Wirbeltiere aus dem Wasser krochen, das Land und die Luft eroberten, ihre Flossen zu Beinen und Flügeln umbildeten. Er freute sich an den !Bäumen und am Gras auf dem Erdboden, an den Rie­sentieren und an den winzigen, und er merkte mit Vergnügen, dass nicht immer die Großen das Leben am besten meisterten, sondern die Geschicktesten und Wendigsten, und das waren oft die Kleineren – notge­drungen, denn sie mussten sich vor den Großen in acht nehmen.
So kam es, dass eine ganze Gattung mächtiger Tiere dahin starb, während eine Junge Art kleiner Baumbe­wohner die Wälder bevölkerte. Sie hatten – anders als die Großen – warmes Blut, und sie erstarrten nicht, wenn die Kälte einsetzte. Sie gingen auch anders mit ihrer Nachkommenschaft um. Bisher hatten die Tiere eine Unzahl von Eiern im Wasser abgelegt und sich selbst überlassen. Es kümmerte sie nicht, dass die mei­sten ihrer Jungen gefressen wurden. Einige kamen im­mer durch und erhielten die Art.
Die warmblütigen Tiere dagegen brachten nur wenige Junge zur Welt. Sie konnten es sich nicht leisten, sie einfach ihrem Schicksal zu überlassen. Darum beschütz­ten sie ihre Kinder, solange sie klein waren, betteten sie in Höhlen und Nestern, fütterten sie und pflegten sie. Einige Muttertiere nährten ihre Jungen sogar mit Milch, die aus ihrem eigenen Körper floss.
Was Gott dabei besonders bewegte, war nicht nur die Geschicklichkeit, mit der sie die Nachkommen allen Gefahren zum Trotz am Leben erhielten. Vor allem berührte ihn die eigenartige Beziehung zwischen dem Vatertier, dem Muttertier und den Jungen. Sie waren aufeinander angewiesen, und ihr Leben hing davon ab, wie sie miteinander umgehen konnten. Sie mussten ihr Zusammenleben organisch ausbauen, und so entwickel­ten sie neue Fähigkeiten, sich zu verständigen, einander zu kennen und zu rufen, voneinander zu lernen und Erfahrungen weiterzugeben.
Gott setzte auf diese Formen der Gemeinschaft große Hoffnungen. Er spürte, wie hier, bedingt durch den Kampf ums Weiterleben, ein Gegengewicht zu diesem Kampf wuchs: Erbarmen mit den Schwachen – der erbarmungslosen Gewalt der Starken zum Trotz; Ge­borgenheit und Vertrauen, aller Angst zum Trotz. Gott wünschte sich sehr, dass diese neuen Erfahrungen wu­chern sollten wie die Algen im Meer, dass sie übergrei­fen sollten auf die ganze Schöpfung, dass es eines Tages Angst und Gewalt nicht mehr geben würde.
Andererseits konnte er sich nicht vorstellen, wie das gelingen sollte. Denn alle Formen der Gemeinschaft wuchsen ja nur deshalb, weil der Kampf ums Überleben sie dazu zwang. Man konnte beides nicht auseinander­ reißen, die Gefahr und den Schutz, die Feindschaft und die Liebe. Eines war notwendig für das andere, und eines erzeugte das andere. Gott rechnete hin und her, wie der Friede sich in seiner Schöpfung durchsetzen könnte, und fand keine Lösung. Solange alle Verhal­tensweisen der Tiere weiter nichts waren als Reaktionen auf Zwänge und Bedrohungen, gab es keine grundle­gende Wende.
 
8
Doch da entdeckte Gott, dass inzwischen einige Tiere so beweglich geworden waren, dass sie nicht mehr in allem, was sie taten, von der Notwendigkeit bestimmt waren. Neben den vorprogrammierten Reaktionen, die sie am Leben erhielten, fanden diese Geschöpfe mehr und mehr Gelegenheit zu spielen, auszuprobieren, Zwecklo­ses zu unternehmen, durch nichts anderes getrieben als durch ihre Neugier und durch den Spaß, den ihnen dies offenbar machte. Sie beknabberten ein Stück Holz, nicht weil sie Hunger hatten, sondern einfach zu ihrem Vergnügen. Sie balgten miteinander, nicht weil sie sich wehren mussten, sondern weil sie es lustig fanden. Sie nahmen einen Stein in ihre Greifhand, ließen ihn fallen, warfen ihn in die Luft, einfach um auszuprobieren, was sie damit alles anstellen konnten.
Dabei lernten sie manches, was ihnen auch für den Lebenskampf nützlich war. Vor allem aber übten sie sich darin, Verhaltensweisen selbst zu erproben und mit ihnen zu experimentieren. Was sich bewährte, machten sie sich zu Eigen. So bewährte es sich bei einer bestimm­ten Art von Baumtieren, dass sie ihre Greifhände nicht nur zum Laufen und Klettern gebrauchten, sondern um Gegenstände zu fassen und damit zu hantieren. Mehr und. mehr verzichteten sie darauf, auf ihren Händen zu gehen. Sie stellten sich auf die Hinterfüße und speziali­sierten ihre Hände, um die Dinge zu ergreifen und zu begreifen, sich zu eigen zu machen und zu gestalten.
Sie fanden heraus, wie sie Steine und Stöcke als Werk­zeuge verwenden konnten, ja sogar ans Feuer wagten sie sich heran und lernten, es zu bändigen und zu entfachen.
Diese Geschöpfe begannen also, sich die Welt einzu­richten und verfügbar zu machen. Gott fühlte eine ei­gentümliche Verwandtschaft zu ihnen. Er erinnerte sich daran, wie er die Welt eingerichtet hatte, und er wusste noch nicht recht, ob daraus eine Zusammenarbeit oder eine Konkurrenz werden würde. Das Gehirn dieser Zweifüßler war auch inzwischen so vielschichtig gewor­den, dass sie bewusster als die anderen Tiere planen und abwägen konnten, und entsprechend ihren gestalteri­schen Fähigkeiten wuchs auch ihre Sprache weit über die angeborenen Signale hinaus: Sie erzählten und ver­handelten, schimpften und scherzten, weinten und lach­ten. Und sie brachten ihren Kindern alles bei, was sie selber gelernt hatten.
Wenn überhaupt etwas der Welt ein neues Gesicht geben kann, so überlegte Gott, dann müssten es diese Zweifüßler sein. Vielleicht könnte er sie gewinnen als Partner, die seine Vorstellungen von einer guten Schöp­fung verwirklichten.
Darum begleitete er sie auf Schritt und Tritt, voll Er­wartung, was sie wieder Neues erfinden würden, – bis er eines Tages mit ansah, wie einer von ihnen seinem Bruder mit einem Prügel den Kopf zertrümmerte.
 
9
Gott erstarrte ebenso vor Entsetzen wie der Mann, der neben dem Toten stand, die blutige Keule in der Hand, der plötzlich in panischem Schrecken davon stürzte, ir­gendwohin. Und Gott wusste: Sie würden beide keine Ruhe mehr finden, er selbst so wenig wie der Mörder und seine Brüder.
Sie würden keine neue Erfindung mehr allein zur Erhal­tung des Lebens benützen, sondern sie würden all ihr Können auch einsetzen, um Leben zu zerstören. Nur Angst und Erschöpfung würden sie davon abhalten, einander vollends auszurotten.
Zum ersten Mal seit Beginn der Schöpfung weinte Gott vor Schmerz und Enttäuschung. Und dabei merkte er, wie sehr er die Menschen liebte, den Erschlagenen wie den Totschläger, und all die andern, die von nun an der Hass trieb, Rache zu üben, und denen die Angst vor der Vergeltung die Ruhe raubte.
Gott schloss die Augen und versank für lange Zeit in Schwermut. Er wollte nichts mehr hören und sehen von seiner Schöpfung. Er wollte vergessen. Aber der An­blick der verfeindeten Brüder verfolgte ihn. Manchmal dachte er an den Tod, wie er ihn bei den Pflanzen und Tieren kennen gelernt hatte. Vielleicht war das Sterben nicht nur ein Unglück, sondern erlöste von Furcht und Unruhe. Er wünschte sich, selbst sterben zu können; dann würde die Trauer ihn nicht mehr quälen.
Oder sollte er die Schöpfung abbrechen? Sie wegwi­schen wie einen bösen Traum? Andere Welten schaffen, ohne Risiko, ohne die bösen Überraschungen? Wieder für sich sein, all eine bleiben, ohne Gegenüber?
Doch wie sollte er sie je vergessen können, seine Ge­schöpfe? Wieder fühlte er wie einen Stich im Herzen, dass er sie liebte, leidenschaftlicher als eine Mutter ihre Kinder liebt.
Gott begann darüber nachzugrübeln, was er tun könnte. Er erinnerte sich an seinen Entschluss am Anfang der Schöpfung, die Gesetze der Welt nicht anzutasten. Sollte er diesen Vorsatz aufgeben und in das Gefüge der Schöpfung eingreifen? Er hatte sich darauf gefreut, die eigenständige Entwicklung der Welt zu beobachten. Jetzt aber hielt er es nicht mehr aus, als Zuschauer daneben zu sitzen. Er war ja längst kein unbeteiligter Zuschauer mehr. Das Leiden seiner Geschöpfe trieb ihn um, drängte ihn mit unwiderstehlicher Macht, sich dem Elend entgegen zu werfen. »Was soll der alte Entschluss?« rief er aus. »Als ich ihn fasste, kannte ich die Menschen noch nicht!«
Aber auf der anderen Seite erkannte er sehr genau, dass ein Eingriff gerade das zu zerstören drohte, was ihm am Herzen lag. Es wäre für ihn keine Kunst, den Organis­mus des Menschen umzubauen und so etwas wie einen Engel aus ihm zu machen. Aber damit würde er gerade das auslöschen, was er an ihm liebte: das Vermögen, nein zu sagen, anders zu sein, zu überraschen und zu enttäuschen. Ein zwangsläufig reibungslos funktionie­rendes Geschöpf könnte ihn nicht lieben. Lieben kann nur einer, der die Liebe auch verweigern kann. Und Gott spürte, wie sehr er sich nach der Liebe der Men­schen sehnte.
Der Zwiespalt quälte ihn, und zugleich wusste er, dass er diesem Zwiespalt nicht ausweichen konnte, so schwer er auch zu ertragen war. Ja, er wollte eingreifen. Aber nicht von außen als einer, der vom sicheren Abstand aus manipuliert. Wollte er seinen Geschöpfen helfen, ohne ihr Wesen zu zerstören, so musste er sich persönlich in ihre Geschichte hineinbegeben, sich den Gesetzen menschlichen Handeins unterwerfen. Es war ihm bewusst, dass dieser Weg nicht am Leiden vorbeiführte. Nicht am Leiden der Menschen und nicht an seinem eigenen Leiden.
»Ich muß mit ihnen ins Gespräch kommen«, sagte Gott. »Ich muss mit ihnen in ihrer eigenen Sprache reden, so wie bei ihnen eine Mutter mit ihrem Kind redet. Ich muss mit ihnen Vereinbarungen treffen, so wie sie mit­einander Verträge abschließen. Ich will um ihre Liebe werben, so wie einer von ihnen um die Liebe einer Frau wirbt. «
Und Gott begann, die Sprache der Menschen zu lernen.
 
10
Inzwischen hatten sich die Menschen weit über die Erde verbreitet. Sie hatten gelernt, Tiere zu züchten und Äcker zu bestellen, Häuser zu bauen und Waffen zu schmieden. Und sie hatten sich Götter gemacht und beteten sie an.
Gott sah mit Verwunderung, was die Menschen alles für göttlich hielten. Die Sonne, den Mond, die Sterne, das Meer und die Berge, Tiere, Bäume und Steine, Donner und Blitz – es gab kaum etwas in der Schöpfung, was sie nicht mit Gott verwechselten.
Aber Gott begriff bald, dass es die Angst war, die sie dazu trieb. Ihr Leben hing davon ab, dass der Regen kam und der Hagel sie verschonte, dass die Erde das Korn wachsen ließ und die feindlichen Nachbarn sie nicht überwältigten, dass die Seuchen sie nicht zu Boden warfen und die Fluten sie nicht überschwemmten. Darum gaben sie sich die größte Mühe, diese unbere­chenbaren Kräfte zu beeinflussen: Sie beteten, opferten, tanzten und zauberten, um sie günstig zu stimmen, und schleppten ihre Götzen mit in den Krieg in der Hoff­nung, sie würden sich als gefährlicher erweisen als die der Feinde.
Gott hörte das Stöhnen der Verwundeten, wenn sie ihre Götter um Rache anflehten. Er sah die entstellten Ge­sichter der Kranken, wenn sie nach Rettung riefen. Er hörte den Lärm der Feste, wenn die Bauern die Ernte einbrachten, und sah die hilflose Wut in ihren Augen, wenn sie vergeblich um Regen bettelten und die Dürre ihre Felder verbrannte. Er sah mit Entsetzen, wie man­che sogar ihre Kinder auf den Altären schlachteten, um die Gunst der Götter zu gewinnen.
Könnten sie doch ihn um Hilfe anrufen! Könnten sie doch Vertrauen zu ihm gewinnen! Zu ihm würden sie anders beten, und er würde sie hören, ihre Klagen und ihre Freudengesänge, ihre Bitten und ihre Vorwürfe. Ihre Götter hatten wenig Ähnlichkeit mit ihm, dem lebendigen Gott. Sie liebten die Menschen nicht, sie bedrohten sie. Ihre Gesichter waren aus Stein.
Gott erforschte gründlich, wie die Menschen mit ihren Göttern umgingen. Denn er musste wohl in Konkurrenz zu ihnen treten, wenn er sich den Menschen verständlich machen wollte. Er wollte herausbringen, wo die Men­schen die Stimme Gottes zu hören meinten. Dort könnte er vielleicht selbst zu sprechen beginnen; dort würden sie ihn vielleicht verstehen.
Er fand Verschiedenes. Die Menschen suchten nach Zeichen und deuteten zufällige Ereignisse als Hinweise der Götter. Sie beobachteten die Sterne und berechne­ten aus ihrem Lauf ihr Schicksal. Sie warfen das Los, um einem Gott die Entscheidung zu überlassen. Sie erwar­teten Gottes Anrede in ihren Träumen, in der Ekstase, in Visionen, und in den Gedanken der Weisen.
Es war ein Gewirr verschiedenartiger Stimmen, und Gott musste befürchten, dass seine Stimme darin unter­gehen würde, zumal er ja nicht mit imposantem Spekta­kel in die Geschichte einsteigen wollte, um die Freiheit des Menschen, nein zu sagen, nicht zu behindern. Darum plante er, zunächst einen einzelnen Menschen herauszulösen aus dem Geflecht der Sippen und Völker und ihrer Religionen und mit ihm all eine zu reden, sein Gott zu werden und seine Nachkommen zu seinem Volk zu machen. Später, wenn dieses Volk ihn verstanden hätte, könnte es zum Modell der ganzen Menschheit werden, als Partner und Verwalter seiner Schöpfung.
 
11
So wählte Gott einen Menschen aus und entschied sich für Abraham, einen Nomaden aus dem Zweistromland. Er redete ihn bei seinem Namen an: »Abraham!« Abra­ham horchte auf: »Ja, da bin ich.« Gott erklärte ihm, was er mit ihm vorhatte: » Verlass deine Heimat und deine Sippe und deine Freunde. Ich werde dir ein ande­res Land zeigen. Dorthin sollst du gehen. Denn ich will ein großes Volk aus deinen Nachkommen machen, ein Volk, das mich kennt und mir allein dient. So will ich durch dich die ganze Menschheit segnen.«
Gespannt wartete Gott, was Abraham dazu sagen würde. Aber der sagte nichts, sondern traf die nötigen Vorbereitungen für einen langen Weg und brach auf, zusammen mit seiner Frau, seinen Leuten und seinem Vieh.
Gott staunte über dieses prompte Zutrauen, das Abra­ham ihm bewies, obwohl er doch nur ganz menschlich mit ihm gesprochen hatte. Dieses Zutrauen wurde in den folgenden Jahren noch manchmal hart auf die Probe gestellt, vor allem dadurch, dass Abraham lange kinderlos blieb und erst in seinem Alter einen Sohn zeugte. Aber Abraham, der alle Bindungen und Sicher­heiten hinter sich gelassen hatte, setzte alles auf das Versprechen seines Gottes und blieb dabei.
Gott dachte später noch oft an diesen Mann….