5. Die Propheten

Als Empfänger der göttlichen Offenbarung treten die Propheten als Verkünder des göttlichen Willens und als Warner des Volkes Israel vor drohenden Gefahren auf und bildeten damit einen Gegenpol zu Priesterschaft und Königtum. » Weiterlesen!
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Ergänzende Texte zu dieser Folge:
- Harte Worte: Prophetie heute
- Gibt es heute noch Propheten? Kommentar von Pfarrer Prof. Dr. Hajo Petsch. Würzburg
- Gesprächsimpulse
Sprachrohr Gottes
Glaubenskurs Teil 5: Gotteserinnerung in dürren Zeiten: Die Propheten
»Ich bin kein Prophet!« Ron Sommer entschuldigt sich für den seiner Meinung nach nicht vorhersehbaren Absturz der Telekom-Aktien. Deutschlands Formel-1-Hoffnung Sebastian Vettel wagt keine Zukunftsaussage über das Rennen in der Türkei. Und der Stadtkämmerer von Würzburg will angesichts der Wirtschaftskrise keine Aussagen über das kommende Jahr machen.
»Ich bin kein Prophet!« Dieses Zitat des alttestamentlichen Propheten Amos (Amos 7,14) ist oft aus dem Mund von Prominenten und Politikern zu hören, werden sie nach künftigen Entwicklungen gefragt. Und damit belegt es auch das am weitesten verbreitete Verständnis eines Propheten: Ein Prophet kennt die Zukunft und kann sie voraussagen.
Nach Erich Fromm sind Propheten aber gerade nicht »Voraussager, sondern Aussager«. Sie sagen etwas aus über den Ist-Zustand, über die Gesellschaft, über die Verhältnisse, in denen sie leben. Propheten sind charismatische Gestalten, die nicht aus sich heraus sprechen, sondern im »göttlichen Ich«. Gedeutet werden diese Aussagen im Namen Gottes nicht, denn Propheten halten eine zusätzliche Auslegung für die Hörer für nicht notwendig: Gottes Wort ist klar und allgemein verständlich. Propheten verstehen sich als Sprachrohre Gottes und bringen mit Leidenschaft dessen Willen zu Gehör. So sind sie Künder unbequemer Wahrheiten und Rufer in der Wüste.
Das hebräische Wort für Prophet lautet »nabi« und ist vom Verb »nabu« = »rufen« abgeleitet. »Nabi« ist sowohl aktiv als auch passiv zu verstehen: Ein Prophet ist ein Gerufener und ein Rufer. Er ist von Gott zu seiner Aufgabe berufen worden, und im Auftrag Gottes ruft er den Mitmenschen seine Botschaft zu. Und diese ist in ihrem Kern immer Deutung der Gegenwart. Propheten beobachten die politischen, sozialen und religiösen Strömungen ihrer Zeit sehr genau und äußern sich bei Bedarf warnend.
DER EMPFANG DES GÖTTLICHEN WORTES setzt geheime Erfahrungen voraus, die den Propheten bis ins Körperliche hinein treffen: »Mein Herz will mir im Leibe brechen, alle meine Gebeine zittern; mir ist wie einem trunkenen Mann und wie einem, der vom Wein taumelt, vor dem Herrn und vor seinen heiligen Worten« (Jeremia 23,9). Ezechiel fühlt sich mehrfach an den Haaren von einer unsichtbaren Macht emporgehoben und an einen anderen Ort versetzt. Die göttliche Botschaft erreicht die Propheten durch eine Stimme oder durch eine Vision. Jesaja sieht Gott als König auf einem sehr hohen Thron (Jesaja 6). Die Erscheinung ist so riesenhaft, dass allein der Saum des Mantels die Tempelhalle füllt. Beben, Donnerstimme und Rauch sind die Begleiter der Vision. Jesaja wird aus seinem bisherigen Leben herausgeholt und in den Dienst seines Gottes genommen. Er wird berufen. Von nun an hat er die Botschaft weiterzugeben, die ihm aufgetragen ist, auch wenn er dafür Widerstand und Feindschaft auf sich zieht.
Propheten werden zu ihrer Tätigkeit nicht ausgebildet. Sie werden auch nicht von ihrer Religionsgemeinschaft eingesetzt, sie entscheiden sich nicht einmal aus sich selbst heraus. Propheten werden von Gott berufen - mitten aus ihrem Alltag heraus. Amos aus Tekoa (ca. 750 v.Chr.) war reich, er besaß Schafherden und Maulbeerbäume, zudem war er gebildet, kannte sich aus mit Geschichte und Politik. Amos, ein Mitglied der Oberschicht, wird Prophet, und mit seinen kurzen und rabiaten Prophezeiungen wird er es sich mit den Priestern und dem König verscherzen.
Propheten werden von Gott berufen - nicht selten gegen ihren Willen. Jeremia (ca. 600 v. Chr.), der aus einer angesehenen Priesterfamilie stammt, hält sich selbst für zu jung für den Auftrag, was Gott aber nicht gelten lässt (Jeremia 1,7). Zeit seines Lebens wird er sich von Gott überredet und überrumpelt fühlen (Jeremia 20,7), wird sich seiner Sendung unsicher sein und daran leiden, dass das Volk seine Botschaft ignoriert. »Jeremiade« ist noch heute ein Ausdruck für Klagelieder aus äußerster Verzweiflung (Jeremia 10,19). Am Propheten Jona, der vor seinem Auftrag sogar bis aufs Meer flieht, »um dem Herrn aus den Augen zu kommen« (Jona 1,3), wird deutlich: Zum Propheten wird man durch Gott bestimmt. Eine Selbsternennung scheidet grundsätzlich aus.
Was sie auch versuchen, Propheten können dem Auftrag, Gottes Mund zu sein, nicht entfliehen. Sie müssen die Botschaft aussprechen. »So spricht Jahwe« lautet die Formel, die ein Gotteswort einleitet und legitimiert. Und das lässt an Deutlichkeit nicht zu wünschen übrig. So lässt Gott König Ahab durch den Propheten Elia ausrichten: »So spricht der Herr: Du hast gemordet, dazu auch fremdes Erbe geraubt! An der Stätte, wo Hunde das Blut Nabots geleckt haben, sollen Hunde auch dein Blut lecken« (1.Könige 21,19). Auch wenn die alttestamentlichen Propheten allesamt starke Persönlichkeiten sind, treten sie doch in ihren Worten ganz hinter den Auftraggeber zurück. Die Person muss hinter der Botschaft zurücktreten, ein Prophet muss sich Gottes Wort geradezu einverleiben: »Du Menschenkind, du musst diese Schriftrolle, die ich dir gebe, in dich hineinessen und deinen Leib damit füllen. Da aß ich sie und sie war in meinem Leib so süß wie Honig« (Ezechiel 2,3). Dabei vertrauen die Propheten auf Gottes Kraft, denn das Wort »wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende« (Jesaja 55,11).
IN DER FRÜHZEIT ISRAELS haben die Erzväter und -mütter selbst göttliche Befehle und Weissagungen empfangen. Der Titel Nabi tritt nur verstreut auf, so z. B. für Abraham, Mirjam oder Mose. In vorstaatlicher Zeit wird Israel von Richtern geführt. Die Prophetin Debora ist eine von ihnen, sie entscheidet unter einer Palme in strittigen Rechtsfällen, mit denen die Menschen zu ihr kommen. Sie organisiert den Kampf gegen die Unterdrücker aus Kanaan, beschreibt, wo der Kampf stattfinden soll, sagt sogar einen Sieg der Israeliten voraus und beweist so ihre politische Kraft. Die Schlacht liefert den Stoff für das Debora-Lied, das zu den ältesten Stücken der Bibel gehört (Richter 5).
Mit dem Aufkommen des Königtums (um 1000 v. Chr.) tritt mit Samuel ein Mann auf den Plan, der Seher, Gottesmann und nicht zuletzt Prophet genannt wird. Diesen Propheten Samuel kann man auch ganz alltägliche Dinge fragen: z. B. wo die verschwundene Eselsherde abgeblieben ist, und auch dass solche Auskünfte bezahlt werden, ist selbstverständlich (1. Samuel 9). Samuel ist es, der die Könige Saul und David salbt und sie in ihrer Amtszeit berät. Später wird Nathan bei König David dieses Rolle übernehmen und ihm nach seinem Ehebruch und nach einem Mord ins Gewissen reden (»Du bist der Mann!«, 2. Samuel 12,7). Nathan setzt moralische, aber auch kulturelle Standards, zum Beispiel was das Musizieren und den Gesang im Tempel angeht.
Eine Art von institutionalisiertem Prophetentum ist aus dem Nachbarland Kanaan nach Israel eingedrungen. In der Folgezeit organisieren sich manche Propheten in einer Genossenschaft, so sammeln sich um Samuel, Elia und Elisa an Heiligtümern Männer, die unter Leitung ihres Meisters in religiöse Ekstasen eintauchen. Sie nehmen Einfluss auf die Gesellschaft und finden großes öffentliches Interesse. Gruppen dieser Art gab es z. B. in Jericho, in Gilgal und in Beth-El. Ihnen ging es um die Alleinverehrung Jahwes. Propheten bildeten einen besonderen Stand (Jeremia 18,18), sie hatten so etwas wie »Berufskleidung« (langes Haar und einen Ledergürtel - 2. Könige 1,7), und Könige halten sich bis zu 400 eigene Hofpropheten, die in deren Sinn sprechen (1. Könige 22,6).
Mit treffenden Worten legen die Propheten den Finger in die Wunde
Vor allem im 8. Jahrhundert v. Chr. wachsen in Israel die sozialen Gegensätze. Durch lang andauernde Kriege ist das Land ausgeblutet, ständig droht der Staatsbankrott. Kriegsgewinner haben Großgrundbesitz angehäuft, sodass für einfache Bauern kein eigenes Land mehr zu bewirtschaften bleibt. Die Zahl der Tagelöhner und Schuldsklaven steigt, der Gegensatz zwischen Stadt und Land verschärft sich, der Zusammenhalt im Volk bröckelt, die Kultgemeinschaft ist innerlich zerbrochen. Auch die Bundestreue des Volkes Israel zu seinem Gott ist nicht mehr selbstverständlich...
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