Gibt es heute noch Propheten?
KOMMENTAR von Pfarrer Prof. Dr. Hajo Petsch, Würzburg

Propheten, Prophetinnen heute? Ehrlich gesagt: ich möchte diesen Titel am liebsten auf die »Klassiker« beschränkt wissen, auf diejenigen Bücher der Bibel, die die prophetische Überlieferung Israels enthalten. Aber dieser Titel lässt sich nicht »gesetzlich« schützen. Und so machen immer wieder Menschen von sich reden, die sich für Propheten bzw. Prophetinnen halten oder - schlimmer noch - sich für solche ausgeben.
Mit meist recht obskuren Botschaften scharen sie exklusive Fangemeinden um sich. Ihre Mitglieder lassen sich emotional und finanziell ausbeuten, weil sie sich nun als die Auserwählten fühlen dürfen, an denen die endzeitliche Katastrophe garantiert vorüber geht. Dafür gibt es leider - nicht nur in Unterfranken - viele Beispiele.
Immerhin kennt schon das Alte Testament »falsche Propheten«, die sich als Boten Gottes aufspielen und die Menschen geschickt für dumm verkaufen. Deshalb ist, so meine ich, Vorsicht angezeigt, allzu schnell den Propheten-Titel zu vergeben.
Aber gibt es nicht dennoch auch heute Menschen, die etwas sagen und tun, das im weitesten Sinne des Wortes als »prophetisch« gelten kann? Ich denke hier etwa an die wenigen Politikerinnen und Politiker, die nicht auf die nächste Wahl schielen, sondern mit ihrer Sicht der Dinge nicht hinterm Berg halten. Mutig warnen sie davor, dass die Zukunft düster sein wird, wenn wir so weiter machen wie bisher und unseren Kurs nicht ändern.
»Denkt um, ändert euch«, das war auch die Kernbotschaft der biblischem Propheten bis hin zu Jesus. Wohlhabende Mitmenschen fallen mir ein, die ihr Vermögen in eine Stiftung einbringen, um gewagte, aber wichtige Zukunftsprojekte zu finanzieren. Und auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die mit ihren Prognosen nicht hinterm Berg halten, ohne dabei auf ihre Reputation in der Fachwelt zu achten. Sie haben Mut zur Blamage, nehmen in Kauf, verspottet zu werden - wie ihre biblischen Vorgänger. Nicht zu vergessen all die vielen »kleinen« Leute, die sehen, was schlicht notwendig ist, und deshalb ohne Eigennutz aktiv werden. Vielleicht zugunsten von einem maroden Kinderspielplatz, den sie wieder flott machen. Oder sie opfern Kraft und Zeit für Menschen, die in dieser Gesellschaft schlicht übersehen werden. Etwa, indem sie eine Küche für die Ärmsten der Armen organisieren.
Dieser Blick aufs Gemeinwohl zeichnete viele biblische Prophetengestalten aus, denen der Egoismus ihrer saturierten Mitmenschen ein Gräuel war. Sie alle handeln ohne großes Tam-Tam, setzen sich für Ideen und Projekte ein, die für die Mehrzahl noch keine Bedeutung hat. Sie lassen sich als Gutmenschen oder Utopisten verlachen. Was sie dazu bewegt, lässt sich vielleicht als »Vision« bezeichnen. Damit meine ich keine Kaffeesatzleserei, keinen exklusiven Offenbarungsblick in künftige Weltereignisse.
Vision kommt vom lateinischen videre = sehen. So verstanden heißt Vision: etwas sehen, was die Anderen noch nicht sehen, nicht sehen wollen. Während die Mehrheit müde und passiv geworden ist und die Augen vor dem, was notwendig ist, was - im wahrsten Sinne des Wortes - die Not wenden kann, verschließt, werden »prophetische« Menschen aktiv. Sie verstehen sich wie ein Wecker, der die Zeit ansagt: »Wacht auf! Steht auf!« So lässt sich zusammenfassen, was sie zu sagen haben. Und sie lassen sich auf das waghalsige Experiment ein, dieser Zeitansage Taten folgen zu lassen, gehen erste Schritte in neues Land, weil sie spüren: die Gegenwart ergibt keine lebenswerte Zukunft mehr.
Ja, es gibt sie auch heute, Gott sei Dank: Menschen mit einer Vision, prophetische Menschen, die sich selbst wohl kaum so bezeichnen würden. Gefragt, warum sie so und nicht anders handeln, würden sie vielleicht bescheiden sagen: »Das muss ich einfach tun ...« Auch das eine Tugend, die in der Bibel viele Vorbilder hat.
Sicher sind auch viele Christinnen und Christen zu dieser Gruppe zu rechnen. Aber in den Amtskirchen sind sie meist nicht so wohl gelitten, stören sie doch auch hier den normalen Betrieb, in dem der Erhalt der Organisation oft vor der Vision rangiert.
Pfr. Prof. Dr. Hajo Petsch, Würzburg (Jahrgang 1945)
