6. Die Weisheit

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Ergänzende Texte zu dieser Folge:
Basissätze der Moral
Glaubenskurs Teil 6: Gottvertrauen und Welterkenntnis: Die Weisheit
In manchen Kulturkreisen wird die Weisheit als weibliche Seite Gottes verehrt. Welche Rolle kann die biblische Weisheitsliteratur für die Lebenskunst unserer Zeit spielen? Wie kann Leben gelingen?
»Geh hin zur Ameise, du Fauler, und sieh ihr Tun und lerne von ihr. Obwohl sie keinen Aufseher hat, keinen Antreiber und Herren, sorgt sie im Sommer für Nahrung, sammelt sich Futter zur Erntezeit.«
So steht es geschrieben im Buch der Sprüche, Kapitel 6, die Verse 6 und 7. Ein klares Wort, eine deutliche Sprache, eine prägnante Aufforderung: »Geh hin zur Ameise, du Fauler - und lerne von ihr.« Eine Lebensregel ist es, wenn auch eine ungewöhnliche: ungewöhnlich, einen Menschen auf seine Faulheit anzusprechen, ungewöhnlich, ihn von einer Ameise lernen zu lassen. Doch genau so entwickelt und verdichtet sich die Einsicht ins Leben. Mit Beobachtungen der Natur, mit Blick für das Herz des Menschen und genauem Hinsehen auf das menschliche Miteinander. Daraus entstehen erfahrungsgesättigte Lebensweisheiten, haltbare, handfest Lebensorientierungen.
LEBENSWEISHEIT, die findet sich durchgängig in der ganzen Bibel. Denn Glaube ohne Lebenserfahrung, wäre ein toter Glaube - wie umgekehrt Lebenserfahrung ohne Glaube taub und blind wäre für Gott. Es gibt aber Bücher in der Bibel, in denen Lebensweisheiten gebündelt sich finden. Man fasst diese unter Weisheitsliteratur zusammen, die nicht nur im Volk Israel, sondern im ganzen Alten Orient verbreitet war. In der Bibel findet sich Weisheitsliteratur vor allem im Buch der Sprüche und auch im Buch Prediger. Das Buch der Sprüche ist eine Sammlung von Weisheitssprüchen über Jahrhunderte hinweg. Das Buch Prediger steht eher am Ende der Weisheitsliteratur, etwa am Ende des 3. Jahrhunderts vor Christus. In dieser Phase war die Weisheit selber, beziehungsweise die Hoffnung, mit Weisheit die Welt und Gott zu erkennen, bereits in eine Krise geraten.
Die Weisheit beginnt, wie angedeutet, ganz schlicht: mit Naturbeobachtungen, mit Blick für das Herz des Menschen und genauem Hinsehen auf das menschliche Miteinander. Daraus werden Regeln, Sprüche, Weisheiten abgeleitet, zu leicht lernbaren Sprüchen geformt und von Generation zu Generation weitergegeben. Damit gehen sie einerseits von einer gewissen Verlässlichkeit der Lebensgrundlagen aus und geben so Sicherheit. Zum anderen schaffen sie ein Koordinatensystem des gelingenden Lebens, in dem der Einzelne sich zurechtfinden kann.
DAS IST DIE EIGENTLICHE Orientierungsleistung der Weisheit: Sie schafft Lebensraum. Anders als etwa bei den Geboten und Gesetzen. Diese sind vorgegeben, und man sollte sie befolgen, sonst wird man bestraft. Weisheit macht sensibel für Beobachtungen, auch für kritische Selbstbeobachtung, macht klug, um Zusammenhänge zu begreifen, und motiviert, sich selber darin einzubringen und so Leben, gelingendes Leben zu entdecken. Die Spruchform ermöglicht Lernen, die Sprache, nicht selten poetisch-bildhaft, eröffnet neues Sehen, Hören, Denken. »Wie ein goldener Apfel in silberner Schale ist ein Wort, geredet zur rechten Zeit.« Wer mag, kann darin ein anderes Sprichwort aus der Lebensweisheit unserer Tage wiedererkennen: »Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.« Überhaupt: Es gibt so manche Sprüche aus dem Buch der Sprüche, die noch heute in Gebrauch sind, ohne dass der Ursprung immer mitgedacht wird. »Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein« (Sprüche 26,27) oder: »Hochmut kommt vor dem Fall« (Sprüche 16,18) oder »Wie du mir, so ich dir« (Sprüche 24,29) oder auch die schöne Wendung vom »Schlaf des Gerechten«, die auf Sprüche 24,15 basiert: »Laure nicht als ein Gottloser auf das Haus des Gerechten, verstöre seine Ruhe nicht«.
Weniger bekannt, aber vermutlich gerade in der aktuellen Finanzkrise ein treffender Satz, der alte Weisheit wieder in Erinnerung ruft: »Besser wenig mit Gottesfurcht als große Schätze mit Unruhe; besser ein Gericht Gemüse mit Liebe als ein gemästeter Ochse mit Hass« (Sprüche 15,17).
Der letztgenannte Spruch weist schon den Weg über das eigene Leben hinaus: Weisheit ist nicht nur eine individuelle Weisheit, sondern ist kollektive Weisheit, ist wichtig für das Miteinander. »Der Gerechte erbarmt sich seines Viehs«, heißt es in Sprüche 12,10, und nimmt damit die Verantwortung des Menschen für Tiere, nicht nur die Haus- und Nutztiere, in den Blick, sondern für die ganze Schöpfung. Gerechtigkeit ist auch das Schlüsselwort für das gesellschaftliche Miteinander: »Gerechtigkeit erhöht ein Volk, aber die Sünde ist der Leute Verderben.« (Sprüche 14,34). »Wer dem Geringen Gewalt antut, lästert dessen Schöpfer« (14,31).
Weisheitssprüche dienen somit auch als Regulierung von Herrschaftsformen, sie halten ein Ethos des Miteinanders jenseits von Gesetz und Sanktionen hoch. Man kann sagen: Sie formulieren die Basissätze der Moral, das unsichtbare, aber alles und alle verbindende Netz des Lebens. Wenn heute in einer Gesellschaft, die auseinanderzufallen droht, nach Grundwerten gefragt, dann wird auch danach gefragt, was Weisheit in früheren Kulturen zu leisten vermochte. Dies heißt nicht, dass Menschen besser waren, wohl aber, dass es ein breites und tief verankertes Bewusstsein von einem besseren Leben gab, das durch Weisheit zu erreichen ist.
Die Lebensweisheit der Bibel ist immer verbunden mit der Erkenntnis Gottes. Doch wie vermitteln sich Weltweisheit und Gottesglaube nun genau? Zunächst gilt, dass es Weisheit gibt, weil Gott die Welt weise geschaffen hat. Deswegen kann jeder und jede durch Weisheit nicht nur die Welt, sondern immer schon Gott entdecken. Welt und Gott sind unhintergehbar miteinander gebunden: »Der Atem des Menschen ist eine Leuchte des Herrn, sie durchspäht alle Kammern des Leibes« (Sprüche 20,27). Hier wird das einfachste und grundlegende Menschliche, der Atem, zusammengedacht mit Gott, mit dem Licht Gottes, mit der Erleuchtung des Menschen durch Gott - und dies nicht als ein abstraktes Kopfgeschehen, sondern als körperliches ganzheitliches Ereignis. Menschlicher Atem und Gottes Licht gehören zusammen, wirken zusammen, nicht in dogmatischen Lehrsätzen gefasst, sondern in bildhafte Sprache.
Die Weisheit als Erstgeborene der Schöpfung
Im Laufe der Zeit wird dann über die weisheitliche Spruchkultur hinaus der Weisheit selber ein wichtiger Platz eingeräumt...
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