Weisheit und Weitsicht

»Die Weisheit«, Giotto di Bondone, Arenakapelle in Padua, 1306. Wie Tapferkeit, Gerechtigkeit und Besonnenheit gehört die Weisheit zu den antiken Tugenden. Im alten Israel galt als weise, wer geübt und fähig ist, etwas richtig, meisterhaft zu tun. Dies kann sich in geistigen wie auch handwerklichen Fähigkeiten erweisen. »Wo viel Weisheit ist, da ist viel Grämen«, lesen wir in den Weisheitssprüchen der Bibel. Dort steht auch, dass die Weisheit laut auf der Straße ruft und ihre Stimme hören lässt.
 
Überhaupt: Das Alte Testament bringt uns die Weisheit als Gottes Liebling nahe. Und einen König, der im neunten Jahrhundert vor Christus lebt und mit seiner Umsicht, seiner Fantasie und seiner Begabung die Weisheit geradezu verkörpert. Salomo ist sein Name. Er ist ein Segen für sein Land Israel und für sein Volk, das ein goldenes Zeitalter erlebt.
 
Salomos Weisheit und Weitsicht belegt eine längst klassische Geschichte, ein beispielhafter Rechtsfall: Zwei Huren erscheinen vor dem König. Sie wohnen in demselben Haus, beide haben einen Sohn geboren. Eines der Kinder stirbt. Beide Frauen behaupten, das lebende Kind sei ihres, das tote gehöre der anderen. Die eine bezichtigt die andere, sie habe des Nachts das tote gegen das lebende Kind getauscht. Da die Frauen allein in dem Dirnenhaus leben, gibt es keine Zeugen. Was also tun? Salomo verlangt nach einem Schwert. Er möchte das lebende Kind zerteilen und jeder der beiden Frauen eine Hälfte überlassen. Was so grausam anmutet, ist nur eine List. Was eine der Frauen gutheißt, bricht der anderen das Herz. Sie verzichtet, um das junge Leben zu retten. Woran der König die wahre Mutter, die das Leben höher achtet als das Recht, erkennt und ihr das Kind zuspricht.
 
Von der Geschichte zweier streitender Frauen und eines weisen Richters wird auch in anderen Völkern erzählt. Salomo bewährt sich als König. Weisheit, von Gott zugesprochen, verleiht ihm Autorität. Für den jüdischen Philosophen Philo von Alexandria ist die Weisheit der »erstgeborene Sohn Gottes« und der »Anfang der Schöpfung«. Haben wir Anteil an ihr? »Ich wäre gerne auch weise«, schreibt der Dichter Bertolt Brecht an die Nachgeborenen. »In den alten Büchern steht, was weise ist: sich aus dem Streit der Welt halten und die kurze Zeit ohne Furcht verbringen. Auch ohne Gewalt auskommen, Böses mit Gutem vergelten.«
 
Hans-Albrecht Pflästerer
 
Quelle: www.ekd.de/lebensart/weisheit.html