Jesus - die Mitte der Geschichte
Eine Einführung in »Basiswissen Christentum - der Glaubenskurs im Sonntagsblatt«
Das Christusgeschehen veränderte die Weltgeschichte mehr als jedes andere Ereignis. Das Christentum wirkt nun im dritten Jahrtausend - was bedeutet es für uns heute? Das ist eine der Fragen, die im Glaubenskurs »Basiswissen Christentum« gestellt werden.
Wer war Jesus? War er der Sohn Gottes und verheißene Messias, ein Prophet, Rebell und Widerstandskämpfer oder Exorzist und Wunderheiler? Jesus sei dem Verhalten nach Demokrat gewesen, sagte der SPD-Politiker Franz Müntefering vor ein paar Tagen auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag in Bremen. »Er hat alle Menschen als gleichwertig geachtet. Wenn ich in der Zeit gelebt hätte, wäre ich mit ihm gezogen«, bekannte der SPD-Chef.
Es ist ein schönes Bild: der oberste Sozialdemokrat als Jünger Franz in der Gefolgschaft des Wanderpredigers aus Nazareth. Vielleicht hätte er für Jesus seine Netze am Galiläischen Meer zurückgelassen, vielleicht hätte er auch eine Zollhütte in Kapernaum zugesperrt, als ihn der Ruf Jesu ereilte. Es ist natürlich nicht sicher, ob er Jesus auf der Wanderschaft tatsächlich immer als Demokraten erlebt hätte; ganz sicher jedoch wäre er dem irdischen Jesus in besonderer Weise nahegekommen, seinem Charisma, seiner Menschlichkeit - auch seiner Göttlichkeit?
Wer Jesus war und wer Jesus ist, was sein Leben für die Welt und die Menschen bedeutet, darum geht es im christlichen Glauben. Wahrscheinlich endete sein Leben am 7. April des Jahres 30 in einem aufgelassenen Steinbruch vor den Toren Jerusalems. Sein Ende am Kreuz war auch das Ende der Jesusbewegung. Zunächst.
Diese Bewegung hatte begonnen, als der Sohn eines Zimmermanns aus Galiläa sich von Johannes im Jordan taufen ließ. Nach einem 40-tägigen Rückzug in die Wüste kam er zurück nach Galiläa und predigte dort die Gegenwart des Reiches Gottes (Markus 1,15), er heilte Aussätzige und Kranke. Jesus sammelte Jünger um sich, er hat wahrscheinlich zwölf von ihnen erwählt. Vermutlich war dieser Jüngerkreis jedoch nicht scharf abgegrenzt. Waren es nur Männer? Die Überlieferung berichtet auch von einigen Frauen, die ihm folgten (Lukas 8,2). Darunter war Maria Magdalena, die ihm sehr nahestand. Sie wachte auch unter dem Kreuz und sie entdeckte das leere Grab.
Jesus hat in die Nachfolge gerufen - eine kompromisslose Nachfolge, die in eine neue Gemeinschaft führt und alte Bindungen auflöst. Der Weg führte quer durch das Heilige Land, gemeinsam Hitze und Kälte ertragend, Hunger und Durst, Sonne und Regen, gemeinsam schweigend oder von Gott sprechend, miteinander betend und feiernd, gemeinsam die Begeisterung und die Anfeindung der Leute ertragend. Jesus berief Menschen quer durch alle Bevölkerungsschichten, unabhängig von Bildungsstand oder Erleuchtungsgrad, ohne Ansehen vorweisbarer religiöser Leistung. Jesus bot keine gesicherte Existenz: »Die Füchse haben Gruben, die Vögel unter dem Himmel haben Nester, der Menschensohn aber hat nicht, wo er sein Haupt hinlege«, sagte er (Mt 8,20). Im Ernstfall sollten die Jünger »Vater und Mutter verlassen«, ihren Besitz den Armen geben und nicht auf ihre Sicherheiten zurückblicken.
Jesus hat keine schriftlichen Aufzeichnungen hinterlassen, er hat keine Lehre formuliert, sondern in einfachen Worten und Gleichnissen die Nähe Gottes und seines Reiches und die Vergebung der Sünden verkündet. In vielen seiner Worte wird das Gewohnte, Berechenbare umgekehrt: »Wer sein Leben erhalten will, der wird´s verlieren, wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird´s finden« (Mt 16,25).
Er hat keinen Katechismus diktiert, aber seine Zuhörer haben die Bergpredigt mit den Seligpreisungen, dem Vaterunser und dem Gebot der Nächstenliebe weitererzählt und aufgeschrieben. Er hat keine Kirche gegründet, aber er hat seinen Jüngern aufgetragen, das Wort zu predigen, das Mahl gemeinsam einzunehmen und zu taufen. Jesus heilte und trieb Dämonen aus. Das taten damals viele, aber Jesus verband seine Heilungswunder mit einer Heilsbotschaft: »Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen«.
Warum dann dieses Ende? Jesus zog nach Jerusalem und brachte dort die Priesteraristokratie gegen sich auf. Er kritisierte und provozierte das religiöse Establishment, er prangerte die Abgehobenheit und Weltferne der religiösen Gesetze an: »Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen« (Mk 2, 27). Er bekräftigte seine Kritik mit der Tempelreinigung, was wahrscheinlich seinen Tod besiegelte. Es war keine revolutionäre, aber eine prophetische Symbolhandlung. Doch damit alarmierte er auch die Römer, die vor allem Ruhe im besetzten Palästina wollten.
Jesus starb am Kreuz auf Golgatha als politisch-messianischer Aufrührer. Die religiösen Institutionen wollten damit zeigen, dass er kein Messias war, sondern ein religiöser Schwindler. Und die Römer konnten vorführen, dass sich auch gewaltfreies Aufbegehren nicht lohnt. Das Kreuz war für die Römer mehr als ein Instrument zur Hinrichtung, es sollte abschrecken und war dadurch zuerst eine Methode des Staatsterrors. Die Kreuzigung galt in der Antike als entehrend und grausam, ekelerregend und abstoßend. Der hellenistische Schriftsteller Lukian wollte deshalb sogar den Buchstaben T aus dem Alphabet streichen.
Die Jünger wandten sich ab. Der Tod Jesu war das Ende von dem, woran sie glaubten.
Doch dann erzählt die Bibel von überwältigenden Erfahrungen mit dem auferstandenen Jesus. Jesus begegnete den Frauen am Grab, dann aber vielen, die sich von ihm abgewandt hatten. Ohne die Begegnung mit dem Auferstandenen hätten sie sicher keine Gemeinde gegründet. Jesus begegnet auch Menschen, die seine ungläubigen Feinde waren, wie etwa Paulus. Sie alle begegnen Jesus nicht, weil sie glauben, sondern sie glauben, weil er ihnen begegnet.
Die österliche Botschaft des Christentums ist jedenfalls: Der Gekreuzigte hat den Tod überwunden, Christus ist auferstanden. Jesus hat den Tod gefürchtet, er ging ihm aber nicht aus dem Weg. Er suchte die Konfrontation mit dem Tod, um ihn zu überwinden. Die Selbsterniedrigung Gottes bis zum Tod am Kreuz gehört deshalb zu den Kernstücken des Christentums. Jede Epoche hat diesen Tod neu interpretiert.
Was heißt das Christusgeschehen für uns? Mit dieser Frage haben sich Konzilien und die großen Theologen der Kirchengeschichte beschäftigt: Athanasius mit seiner Vorstellung eines Erlösungskampfes, Anselm von Canterbury mit seiner Satisfaktionslehre, Martin Luther mit seiner Rechtfertigungslehre oder Karl Barth in seiner Versöhnungslehre. Für Augustinus war die Antwort die Gottesschau der Seligen, für Philipp Melanchthon die Vergebung der Sünden, für die Pietisten die Bekehrung zum Willen Gottes, für den Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel das Erkennen des menschlichen Geistes. Die christlichen Mystiker sahen in der mystischen Vereinigung von Mensch und Gott das eigentliche Ziel, die Diakoniker im Gebot zur Nächsten- und Feindesliebe.
Doch im Grunde ging es dabei um die Nachfolge Christi. Wie die Konsequenzen der Nachfolge bei den ersten Christen aussahen, wird im 2. Kapitel der Apostelgeschichte des Lukas beschrieben: Sie waren täglich einmütig beieinander und teilten mit denen, die in Not waren. Sie lobten Gott mit Freuden und nannten sich untereinander »Bruder« und »Schwester«. Sie brachen das Brot und ließen den Kranken und Gefangenen Stücke des Brotes bringen.
An vielen Orten wurden die Gottesdienste aus Furcht vor Verhaftungen heimlich gehalten. Es war zu Zeiten des staatlichen Kaiserkults gefährlich, als Christ aufzufallen, und manchmal konnte einen schon der Geruch von einem Schluck zu wenig mit Wasser verdünnten Abendmahlsweines verraten.
Die urchristliche Gemeinde verstand sich als Gegenentwurf zur herrschenden Kultur. Sklaven und Sklavinnen begegneten Herrinnen und Herren auf Augenhöhe - als Geschwister in Christus. Man begann, die Ebenbürtigkeit von Mann und Frau zu achten. Kyrios Christos! - Der Herr ist Jesus! war ihr Bekenntnis. Sie fielen auf durch ihren Lebensstil, ihre geschwisterliche Liebe und ihren ethischen Lebenswandel.
Wie konnte dies trotz aller Verfolgungen, trotz aller Bedrängnis geschehen? Gott hatte sich der Gemeinde fünfzig Tage nach der Auferstehung Jesu in Gestalt des Heiligen Geistes offenbart. Die Apostelgeschichte berichtet von diesem Ereignis, bei dem Christen aus allen Teilen des Römischen Reichs versammelt waren: »Plötzlich hörte man ein mächtiges Rauschen, wie wenn ein Sturm vom Himmel herabweht. Das Rauschen erfüllte das ganze Haus, in dem die Jünger waren. Dann sah man etwas wie Feuer, das sich zerteilte, und auf jeden von ihnen ließ sich eine Flammenzunge nieder. Alle wurden vom Geist Gottes erfüllt und begannen in verschiedenen Sprachen zu reden, jeder wie es ihm der Geist Gottes eingab« (Apostelgeschichte 2, 2-4).
Dieses Pfingstereignis war somit der Geburtstag der christlichen Gemeinde. Und so wuchs die Kirche trotz - oder wegen? - aller Verfolgungen. Das schnelle Wachstum erforderte neue Strukturen und Ämter. Eine neue Phase begann, als das Christentum erst geduldet und im 4. Jahrhundert schließlich sogar zur Staatsreligion wurde. Die Kirche übernahm viele Funktionen der vorherigen Reichsreligion, sie verlangte von den Gläubigen keinen radikal neuen Lebenswandel mehr. Weil Kirche und Welt sich annäherten, bildeten sich die ersten Gegenbewegungen. Christen zogen in die Wüste, um dort in Armut und Gemeinschaft oder sogar als Einsiedler zu leben. So entstand das Mönchtum.
Gleichzeitig blieb die Verheißung der Wiederkehr Christi aus, die manche Christen der ersten Generation noch zu erleben glaubten. Wie nun die glühende Erwartung des Reiches Gottes zurücktrat, bildete sich eine Amtskirche, die ihre Strukturen mit dem Reich Gottes gleichzusetzen suchte.
Jesu ursprüngliche Verkündigung des Reiches Gottes war in der Folge ein ständiger Stachel im Leib der Kirche, die Erinnerung an ihn war und blieb eine gefährliche Erinnerung. Im Laufe der Kirchengeschichte hat es immer wieder Bewegungen gegeben, die ein radikaleres Christentum der Jesusnachfolge gepredigt haben und zu praktizieren versuchten. Täufer, Pietisten und lateinamerikanische Befreiungstheologen stehen in dieser Tradition der radikalen Nachfolge. Immer ging es ihnen auch darum, mit der Realisierung des Reiches Gottes hier und jetzt zu beginnen.
Einen beeindruckenden Versuch, Jesus nachzufolgen, unternahm Franziskus von Assisi (1182-1226). Sein einfaches Leben wirkt gotteskindlich naiv, orientiert an der Bergpredigt und an Jesu Armutsideal, selbstlos helfend und heilend, vertrauensvoll mit seinen Brüdern aus der Gnade Gottes lebend: sorglos wie Vögel unter dem Himmel, wie Lilien auf dem Feld, absichtslos, »unschuldig«. Gescheitert ist er jedoch in seinem Unternehmen, die Kirche zu reformieren.
Martin Luther wurde Mönch, um durch ein Gott gefälliges Leben der Hölle zu entkommen. Doch trotz bester Leistungen im Kloster fühlte er sich verloren. Er scheiterte auf dem Weg der Selbsterlösung völlig, doch sein Zusammenbruch wurde zum Durchbruch. Wo er sich selbst nicht helfen konnte, da wurde er bereit, sich von Gott helfen zu lassen. Luther erkannte, dass in der Mitte des christlichen Glaubens die Vertrauensbeziehung zu Jesus Christus steht. Nicht ein Verhalten macht also einen Menschen zum Christen, sondern ein Verhältnis: die Christusbeziehung. Was kann dies heute bedeuten? Was kann die frei machende Botschaft des Evangeliums von der grenzenlosen Liebe Gottes in Jesus Christus heute bewirken?
In diesem Sinne kann man Christus als »das Ende der Religion«, als Ende menschlichen Bemühens sehen. Auf der anderen Seite gilt Paulus als Begründer der christlichen Religion. Was hat sich hier getan? Und warum hat sich das Christentum bald nach seiner Entstehung in zahllose Kirchen und Konfessionen aufgespalten? Was ist das Verbindende, was ist das Trennende?
Und wie wird heute die Heilsgeschichte sichtbar, die ja nicht mit der Entstehung der Kirche an Pfingsten begann, sondern die einen Bogen spannt von der Erschaffung der Welt bis zur Neuschöpfung dieser Welt - und die in der Menschwerdung Gottes ihre Mitte hat?
Die Bibel zeigt die unterschiedlichsten Zugänge zum Heilsgeschehen auf und schon darin unterscheidet sie sich von den heiligen Schriften der anderen Religionen. Sie handelt von der Geschichte Gottes mit dem Menschen, und von Beginn an wird kein Heldenepos beschrieben, wie es in anderen Kulturen und Religionen gang und gäbe war. Menschliche Katastrophen werden schon in den ersten Kapiteln der Urgeschichte (1. Mose 1-11) und der Vätergeschichte (1. Mose 12-50) zum Thema gemacht. Es sind Geschichten von Menschen, die an ihrem Tiefpunkt noch eine Zukunft haben. In den Abgründen des Lebens, im Scheitern, in Schuld und Versagen ist Gott dem Menschen nahe. Abraham, Jakob, später dann Moses und Hiob - es gibt eine Hoffnung und eine Verheißung. Diese Linie zieht sich durch die Biografien der Bibel bis zu Jesus, den Gott aus dem absoluten Tiefpunkt, dem gänzlichen Scheitern im Tod, zum Leben erweckt.
Die Bibel ist deshalb kein Lehrbuch, sondern ein Erzählbuch über das Leben, menschlich-lebendiges Zeugnis der Erfahrung mit Gott. Eine Erfahrung, die heute noch gemacht werden kann. Gottes Heilsgeschichte ist noch nicht am Ende, aber sie hat ihre Mitte: Das Christusgeschehen veränderte den Lauf der Welt mehr als jedes andere Ereignis - und es wirkt fort bis ins dritte Jahrtausend.
Berufung der Apostel Petrus und Andreas, Duccio di Buoninsegna, Altarretabel des Sieneser Doms, 1311.Foto: sobchristentum
IN APOSTELGESCHICHTE 11,26 wird erzählt, dass die Nachfolger Christi den Namen Christen zuerst von den Nichtchristen der zum Römischen Reich gehörenden syrischen Stadt Antiochia am Orontes erhielten. Dorthin waren sie nach den ersten Verfolgungen in Palästina geflohen.
DER BEGRIFF »CHRISTENTUM« wird erstmals in einem Brief des syrischen Bischofs Ignatius von Antiochia († 107) erwähnt.
Das Christusmonogramm mit den griechischen Buchstaben Alpha und Omega. Das »X« und das »P« sind die beiden griechischen Buchstaben Chi und Rho und die beiden Anfangsbuchstaben des Namens Christus.
Foto: sob
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