11. Die Bergpredigt

»Brandenburgische Bergpredigt«, Gruppenbild des Domkapitels Domstift Brandenburg, Matthias Koeppel, 2008, Brandenburg, Dom. In der Bergpredigt sind die programmatischen Ausführungen Jesu über den Willen Gottes zusammengestellt. Die Seligpreisungen, das Vaterunser und das Doppelgebot der Liebe gehören zum Kernbestand des Glaubens. » Weiterlesen!

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Grundgesetz des Reiches Gottes

Glaubenskurs Teil 11: Die Bergpredigt Jesu - ansprechende Worte für ein einfaches Leben

 
In der Bergpredigt sind die programmatischen Ausführungen Jesu über den Willen Gottes zusammengestellt. Die Seligpreisungen, das Vaterunser und das Doppelgebot der Liebe gehören zum Kernbestand des Glaubens.


»Brandenburgische Bergpredigt«, Gruppenbild des Domkapitels Domstift Brandenburg, Gemälde von Matthias Koeppel, 2008, Brandenburg/Havel, Dom. Zu erkennen sind links Manfred Stolpe und neben ihm Otto Graf Lambsdorff oder neben der rechten Hand Jesu Bischof Wolfgang Huber. Als »Grundgesetz des Reiches Gottes« wird die Bergpredigt manchmal bezeichnet. Denn in ihr legt Jesus die wichtigsten Regeln vor, die unter den Menschen gelten sollen, die ihm nachfolgen. Aber die Bergpredigt ist nicht nur ein Gesetz, sie enthält auch das ganze Evangelium, die gute Nachricht von der Treue und Fürsorge Gottes. Sie stellt nicht nur einen grandiosen Anspruch an jeden, der sie ernst nimmt, sondern bietet einen ebenso grandiosen Zuspruch

Die Bergpredigt ist die erste von mehreren großen Reden, die Jesus nach dem Matthäusevangelium hält. Sie erstreckt sich über drei ganze Kapitel des Evangeliums, nämlich die Kapitel 5 bis 7. Schon ihre Stellung im Ganzen des Evangeliums zeigt, dass es hier um wesentliche Grundaussagen geht. Nachdem Matthäus nämlich in den ersten beiden Kapiteln den Stammbaum Jesu und die Geburts- und Kindheitsgeschichte geboten hat, folgt im Kapitel 3 die Erzählung von Johannes dem Täufer und der Taufe Jesu. In Kapitel 4 schließlich werden die letzten Vorbereitungen Jesu auf sein öffentliches Auftreten geschildert: die Versuchungen in der Wüste, die Berufung der ersten Jünger und schließlich ein zusammenfassender Absatz darüber, dass Jesus lehrend und heilend durch Galiläa zieht, sodass ihm eine große Menge Menschen folgt (Matthäus 4,25).

Angesichts dieser Menschenmenge steigt Jesus auf einen Berg. In dieser Zeit wurde Bergwandern noch nicht als Freizeitvergnügen betrachtet, es war gefährlich und alles andere als üblich. Allerdings galt der Berg als Ort, an dem man Gott besonders nahe sein konnte. Mose empfing die Zehn Gebote auf dem Berg Sinai, und Jesus selbst wird später ebenfalls auf einem Berg verklärt. Auch durch diesen geografischen Rahmen macht Matthäus klar: Diese Worte haben eine ganz besondere Bedeutung.

Die Rede beginnt mit den sogenannten Seligpreisungen, es folgen Auslegungen zum göttlichen Gesetz. In Kapitel 6 stehen erst Bemerkungen zum Spenden, dann zum Gebet; hier findet sich auch das Vaterunser als das Gebet, das Jesus seine Jünger lehrt. Nach einigen Sätzen über das Fasten spricht Jesus über das überflüssige Sich-Sorgen und über die Fürsorge des himmlischen Vaters. In Kapitel 7 schließlich kommen Aussagen über das Richten, die Gebetserhörung und über das Tun des göttlichen Willens. Mit dem Gleichnis vom Haus auf dem Felsen endet die Rede.

Im anschließenden Kapitel 8 zeigt Matthäus, wie Jesus seinen Worten auch entsprechende Taten folgen lässt. Er überschreitet um der Liebe willen verschiedene Reinheitsgebote - er berührt einen Aussätzigen und heilt einen römischen Soldaten. Beides war für einen frommen, gesetzestreuen Juden streng verboten. Doch Jesus fragt nicht nach dem Buchstaben des Gesetzes, sondern nach dessen Geist. Es geht ihm nicht um bestimmte Regeln für bestimmte Lebenssituationen, sondern um eine Grundhaltung. Und diese Haltung steht quer zu dem, was unter Menschen meistens gilt.

Das beginnt ganz programmatisch mit den Seligpreisungen (5,3-12). In diesen neun Sätzen, die allesamt mit den Worten »Selig (glücklich) sind …« beginnen, zeigt Jesus überdeutlich, dass unsere menschlichen Maßstäbe bei Gott nicht gelten. Heute wie damals scheint zu gelten: Selig sind die Reichen, die Gesunden, die Mächtigen … Doch Jesus behauptet das Gegenteil: Die Schwachen und Machtlosen nennt er glücklich, denn sie haben begriffen, worauf es im Leben wirklich ankommt. Glücklich macht nicht eine schön glatt polierte Oberfläche, sondern glücklich wird ein Mensch, wenn er sich auf die Tiefen im Leben einlassen kann, weil er ahnt: Gerade dort, in der Tiefe, lässt Gott sich finden.

Die Seligpreisungen stehen wie ein Vorwort, eine Präambel, am Beginn der Bergpredigt. An ihnen erkennen wir, dass es bei Jesus nicht um saure Gesetzeserfüllung geht, sondern um Glück, um Seligkeit, um ein Leben in Fülle. Und das gilt auch für die nachfolgenden, teilweise sehr hart wirkenden Worte. Jesus spricht von der Gerechtigkeit, die »besser ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer« (5,20). Damit kritisiert er eine Haltung, die immer danach fragt, in welchen Situationen das Gesetz Gottes gilt. Auf welche Lebenslagen ist es anzuwenden? Was genau ist beispielsweise am Sabbat verboten?

Was auf den ersten Blick sehr fromm wirkt, hat eine Kehrseite. Immer wieder gerät Jesus mit den Pharisäern aneinander, weil es ihm wichtiger ist, Menschen sofort zu helfen, statt abzuwarten, bis der Sabbat vorüber ist. Die »Gerechtigkeit der Schriftgelehrten und Pharisäer« orientiert sich an Vorschriften und läuft Gefahr, den konkreten Menschen aus den Augen zu verlieren. Und wer die Grenzen untersucht, innerhalb deren das Gesetz gilt, fragt damit insgeheim auch danach, in welchen Bereichen das Gesetz nicht anzuwenden ist. Diese Haltung kommt zum Beispiel in der Frage des Petrus, wie oft er seinem Bruder vergeben müsse. Reicht siebenmal? Dem stellt Jesus eine ganz klare Aussage gegenüber: Der Wille Gottes betrifft das ganze Leben, nicht nur die Handlungen, sondern auch Gedanken und Absichten. Gott lässt sich nicht einsperren und auch nicht aussperren aus dem Leben der Menschen, die seinen Willen tun wollen. Bei Gott gilt der Grundsatz: »Ganz oder gar nicht!« Deswegen ist die Vergebung grenzenlos und hört nicht nach sieben heroischen Versuchen auf (Matthäus 18, 21f.).

Gleichzeitig zeigt das ganze Leben und Handeln Jesu, dass Gott seine Liebe nicht davon abhängig macht, dass ein Mensch seine Gesetze erfüllt. Zwar betont Jesus, dass er nicht gekommen sei, um das Gesetz aufzulösen, sondern um es zu erfüllen (5,17). Doch diese Erfüllung besteht in der Liebe. Die Liebe zu Gott und zu den Menschen ist das höchste Gebot und in ihr erfüllen sich alle Gesetze (Matthäus 22,34-40). Wer wirklich liebt, liebt aus vollem Herzen und macht keine Unterschiede. Das ist das Anliegen Jesu in den sogenannten Antithesen, die immer nach dem Schema gestaltet sind: »Ihr habt gehört, dass gesagt ist … Ich aber sage euch …« (5,21-48). Die Form dieser Lehrsätze, das »Ich aber sage euch« entspricht der jüdischen Tradition des Streitgesprächs unter Theologen.

Die Mischna und der Talmud, die wichtigsten jüdischen Sammlungen von Bibelauslegungen, enthalten keine Dogmatik, kein System unfehlbarer Lehraussagen. Sondern in ihnen finden sich die teilweise höchst unterschiedlichen, manchmal widersprüchlichen Aussagen verschiedener bedeutender Rabbiner, die oft nebeneinanderstehen, ohne dass abschließend entschieden wird, wer »recht hat«. In dieser Tradition sind auch die Antithesen zu verstehen: Jesus spricht anderen (früheren) Aussagen nicht das Existenzrecht ab, sondern er sagt: Nach meiner Überzeugung müssen wir das Gesetz viel tiefer verstehen, viel radikaler. Es geht nicht um die Frage: Bis wohin muss ich Gott folgen? Sondern um die Liebe zu Gott und zu den Mitmenschen, die uns als ganzen Menschen ergreifen will. Die Liebe zu den Mitmenschen hört nicht an den Grenzen von Familie, Sippe oder Nation auf, sondern umfasst auch die, die wir bislang als Feinde betrachtet haben, und »entfeindet« sie (Pinchas Lapide). Konsequenterweise, wie als Illustration seiner Worte, heilt Jesus im Anschluss an die Bergpredigt den Diener eines römischen Besatzungsoffiziers (8,5-13).

Das Vaterunser umfasst das ganze christliche Leben

Wer aus einer Haltung der Liebe heraus lebt, der braucht seine Frömmigkeit auch nicht zur Schau zu stellen. Er lässt es die Öffentlichkeit nicht wissen, wenn er etwas spendet (6,2-3) oder wenn er sich auf die spirituelle Übung des Fastens einlässt (6,16-18). Und auch sein Gebet ist etwas Innerliches. »Wenn du betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist«, so heißt es in Matthäus 6,6.

Was Luther als »Kämmerlein« übersetzt, ist der innere Raum, und man kann das durchaus auch im übertragenen Sinne verstehen. Das Gebet ist eine Sache des Herzens, es steigt aus dem innersten Raum eines Menschen auf. Es geht also nicht darum, möglichst viel zu reden oder die richtigen Worte zu finden. Sondern die inneren Regungen unseres Herzens sollen wir Gott öffnen - eine weitere Variante des Themas »Ganz oder gar nicht«. Ein Gebet, das nicht aus dem Herzen kommt, ist eine sinnlose Übung.

Deswegen ist das Gebet, das Jesus seine Jünger lehrt, von beeindruckender Schlichtheit - das Vaterunser (6,9-13). Mit seinen sieben Bitten, von denen sich die ersten drei um Gott selbst drehen, um seinen Namen, sein Reich und seinen Willen, umfasst es das ganze christliche Leben: tägliches Brot, Vergebung, Bewahrung in der Versuchung und schließlich die Erlösung von dem Bösen - von dem, was uns von Gott und unseren Mitmenschen trennt.

Ziemlich genau in der Mitte der Bergpredigt stehen die wunderbaren Bildworte von den Vögeln unter dem Himmel und den Lilien auf dem Felde, die sich um Nahrung und Kleidung nicht sorgen und doch - oder gerade deshalb? - vom himmlischen Vater ernährt und versorgt werden (6,25-34). Diese Worte sind wohl auch inhaltlich die Mitte der Rede. Weil wir uns unbedingt auf unseren himmlischen Vater verlassen können, der unsere Bedürfnisse kennt, der uns ins Herz sieht und der jedes Haar auf unserem Haupt gezählt hat, deshalb brauchen wir uns nicht abzusichern, uns keine Sorgen zu machen. Wir brauchen dem Bösen nicht zu widerstehen, können dem, der uns um etwas bittet, freigebig leihen, ohne zurückzufordern (5,42). Wir brauchen uns nicht zur Schau zu stellen (6,1) und können fest vertrauen, dass wir finden, wenn wir suchen (7,7).

Die Worte stellen weniger eine Warnung dar als vielmehr eine Einladung zu dem kindlichen Vertrauen, aus dem Jesus selbst gelebt hat. Er weiß genau, dass »das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung« ist (6,25b). Irdische »Schätze« gehen allzu leicht verloren - eine Erfahrung, die in Zeiten der Wirtschaftskrise aktueller scheint als je. Wer seinen ganzen Lebensinhalt und seinen Lebenssinn aus dem materiellen Besitz zieht, läuft Gefahr, diesen Sinn und Inhalt zu verlieren, wenn sein Geld »verbrannt« ist und seine Aktien »im Keller«. Jesus lädt ein, sich Schätze »im Himmel« zu sammeln, das heißt bei Gott - und das wiederum heißt, reich zu werden an Liebe. Die kann einem niemand nehmen, Motten, Rost und Diebe können einen solchen Schatz nicht vernichten (6,20).

Manchmal ist es nicht so einfach zu entscheiden, was der Liebe dient. Solche Fälle hatte Jesus möglicherweise im Blick, als er die berühmte »Goldene Regel« formulierte: »Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch! Das ist das Gesetz und die Propheten« (7,12). Diese verblüffend einfache Faustregel hilft mehr als die ausgeklügeltsten Auslegungen. Sie findet sich nicht nur bei Jesus, sie war in der ganzen Antike verbreitet und steht etwa bei dem griechischen Historiker Herodot (ca. 490-424 v. Chr.) oder dem Philosophen Thales von Milet (624-546 v. Chr.) sowie in verschiedenen Schriften der asiatischen Philosophie und Religion. Das mindert natürlich nicht ihren Wert, sondern zeigt, dass Jesus in seinen Anweisungen immer auch sehr lebenspraktisch vorging.

Wer die Worte Jesu beherzigt, dessen Lebenshaus hat ein starkes Fundament. Mit diesem Gleichnis schließt die Bergpredigt - das Herz des christlichen Glaubens und Lebens und möglicherweise der wichtigste Text der Weltliteratur.
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