Kann man die Gebote der Bergpredigt überhaupt befolgen?

»Brandenburgische Bergpredigt«, Gruppenbild des Domkapitels Domstift Brandenburg, Matthias Koeppel, 2008, Brandenburg, Dom. KANN MAN DIE GEBOTE der Bergpredigt überhaupt befolgen? Diese Frage stellt sich angesichts der teilweise äußerst radikalen Formulierungen, und sie hat unterschiedliche Antworten gefunden. Immer gab es Einzelne und Gruppen, die versucht haben, die Bergpredigt wörtlich zu nehmen und nach ihr zu leben. Zu ihnen zählen Franz von Assisi und andere Ordensgründer, daneben verschiedene Gruppen wie die Waldenser oder die Katharer im Mittelalter, die regelmäßig verfolgt wurden, weil ihre Radikalität die verweltlichte Kirche in Frage stellte.
           
EINE RADIKALE GEGENPOSITION nahm Friedrich Nietzsche ein. Er war ein entschiedener Gegner der Bergpredigt. Im Aufruf zur Gewaltlosigkeit und in der Forderung, sich gegen Unrecht nicht zu wehren, sah er den Ausdruck einer »Sklavenmoral«, mit der die Schwachen und Lebensuntüchtigen sich gegen die Starken, Erfolgreichen und Glücklichen wehren wollen.
           
ZAHLREICH SIND DIE VERSUCHE, die Bedeutung der Bergpredigt zu relativieren. Denn die radikalen ethischen Forderungen können nach Meinung der meisten Menschen kaum oder gar nicht erfüllt werden. Bis heute folgenreich ist die Zwei-Reiche-Lehre Martin Luthers. Nach dieser Theorie regiert Gott die Welt auf zweierlei Weise. Er führt zwei verschiedene »Regimenter«, das heißt zwei verschiedene Weisen zu herrschen: die geistliche und die weltliche. Dem geistlichen Regiment unterstehen alle Christen in geistlichen Angelegenheiten, das heißt im Privatleben und im Glaubensleben muss der Christ die Gebote der Bergpredigt einhalten. Diese Gebote eignen sich aber nicht für die weltliche Regierung. Während ein Fürst also im Privatleben dem geistlichen Regiment untersteht und gewaltlos sein und dulden muss, wenn ihm Unrecht zugefügt wird, muss er in seinen Regierungsgeschäften dem »weltlichen Regiment« Gottes folgen. Das bedeutet unter Umständen auch, dass er Gewalt ausüben muss, etwa bei der Strafverfolgung oder im Krieg, der nach Luther unter gewissen Bedingungen erlaubt, ja geboten sein kann.
           
PAZIFISTISCHE FREIKIRCHEN wie die Quäker fordern, die Bergpredigt müsse auch für den Bereich der Politik gültig sein. In den 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts verkündete die Friedensbewegung unter Berufung auf die Bergpredigt: »Frieden ist möglich«. Demgegenüber berief sich der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt auf die Zwei-Reiche-Lehre und behauptete: »Mit der Bergpredigt lässt sich keine Politik machen.« Auch der CSU-Politiker Günther Beckstein, praktizierender evangelischer Christ, hält an der Zwei-Reiche-Lehre fest.