9. Gott wird Mensch

Die Menschwerdung Gottes ist das zentrale Ereignis der Weltgeschichte. In Jesus hat sich Gott offenbart. Was bedeutet es, dass Gott als Menschenkind in diese Welt kommt? Wie verhält sich dazu die Inkarnation des Wortes Gottes im Johannesevangelium? » Weiterlesen!
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Ergänzende Texte zu dieser Folge:
Gott wird Mensch
Glaubenskurs Teil 9: Die Menschwerdung Gottes, Jesuskind und logos
Die Menschwerdung Gottes ist das zentrale Ereignis der Weltgeschichte. In Jesus hat sich Gott offenbart. Was bedeutet es, dass Gott als Menschenkind in diese Welt kommt? Wie verhält sich dazu die Inkarnation des Wortes Gottes im Johannesevangelium?

Es ist der Exportschlager schlechthin, das Weihnachtsfest. Nicht nur im christlichen Abendland ist es mit Abstand das beliebteste Fest, nein, auch in der Sahara und am Bangkoker Flughafen, am Amazonas oder mitten in Tokio sieht man im Dezember und Januar Christbäume stehen.
Daran mag der Einzelhandel nicht ganz unschuldig sein; nicht nur Spielwarenläden fahren im Dezember einen beträchtlichen Teil ihres Jahresumsatzes ein. Dass das Weihnachtsfest so populär ist, hat viel mit den Symbolen und Ritualen zu tun, die damit verbunden sind: Die Familie versammelt sich, Lichter werden angezündet, Geschenke verteilt. Diese Symbolik versteht man in Grönland ebenso wie in Japan, am Amazonas genauso wie in Thailand.
So ist es auch nicht verwunderlich, dass sich das Brauchtum in einigen Punkten weit von den biblischen Wurzeln des Festes gelöst hat. Der göttliche Säugling in der Krippe ist zum »Christkind« geworden, das Kindern die Geschenke bringt. Dieses Christkind hat für viele mehr von einem Rauschgoldengel an sich. Das Nürnberger »Christkindla«, das den gleichnamigen Weihnachtsmarkt eröffnet, wird traditionell von einem Mädchen dargestellt - mit langen blonden Locken. Meistens aber spielt das Christkind gar keine Rolle. Die Geschenke bringt heutzutage der »Weihnachtsmann«, der - gut amerikanisch - mit seinem Rentierschlitten über den Himmel fährt.
DAS WEIHNACHTSFEST hat also für viele Menschen mit der Geburt des Jesuskindes im Stall von Betlehem gar nichts mehr zu tun. Dabei ist dieses Ereignis, eines der wichtigsten für uns Christen, doch Grundlage und Anlass für das Ganze. Fragen wir also: Wie war es wirklich? Oder besser: Was erzählt die Bibel? Die vier Evangelisten berichten durchaus unterschiedlich. Das älteste Evangelium, das nach Markus, enthält gar keine Geschichte von der Geburt Jesu. Es setzt mit der Taufe ein, die Jesus als erwachsener Mann durch Johannes empfing. Auch in den Paulusbriefen findet sich kein Hinweis auf die Umstände der Geburt Jesu, außer einer Stelle im Galaterbrief: »Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau…« (Galater 4,4).
»Wär Christus tausendmal zu Bethlehem geboren, doch nicht in dir: Du bliebst noch ewiglich verloren.«
Angelus Silesius
IM LUKASEVANGELIUM stehen im zweiten Kapitel die vertrauten Worte, »die« Weihnachtsgeschichte, wie sie vielen aus dem Weihnachtsoratorium oder aus den Gottesdiensten am Heiligabend im Ohr ist: »Es begab sich aber zu der Zeit …« Die Volkszählung des Augustus, die Krippe im Stall, die Hirten mit ihrer Herde auf dem Felde bei den Hürden, der Engel des Herrn - Bibelwissenschaftler bezweifeln, dass Lukas hier einen einen historischen Bericht liefert. Es spricht in der Tat einiges dafür, dass Lukas seinen Bericht nicht in historischer, sondern in theologischer Absicht verfasst hat.
Dass der Messias in Betlehem, der »Stadt Davids«, geboren werden würde, hatte der Prophet Micha geweissagt: »Und du, Betlehem Ephrata, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei« (Micha 5,1). Und so war für Lukas klar, dass Jesus nur in Betlehem geboren sein konnte. Andererseits spricht die Bibel davon, dass Jesus aus Nazareth stammte. So entstand wohl die Geschichte von der Reise der hochschwangeren Maria mit ihrem Verlobten Joseph nach Betlehem.
Nach dem Matthäusevangelium wohnen Maria und Joseph von Anfang an in Bethlehem. Erst nach ihrer Rückkehr aus Ägypten lassen sie sich in Nazareth nieder. Auch diese Geschichte von der Flucht der jungen Familie nach Ägypten bezieht sich auf die Aussage eines Propheten. In Hosea 11,1 heißt es: »Ich (Gott) rief ihn, meinen Sohn, aus Ägypten.« Mit dem »Sohn« ist bei Hosea allerdings das Volk Israel als Ganzes gemeint. Der Abschnitt ist also keine Weissagung, sondern eine Erinnerung an den Exodus, den Auszug aus Ägypten. Trotzdem bezieht Matthäus die Stelle auf das Kommen des Messias.
Für die biblischen Autoren kam es darauf an, ihre Hörer und Leser zum Glauben zu rufen. Deswegen erzählen sie oft so, dass in ihren Geschichten eine innere Wahrheit, die Glaubenswahrheit zum Ausdruck kommt. Der katholische Theologe Eugen Drewermann hat es so ausgedrückt: »Der Stern, der an dem Ort eines Königskindes wacht, ist nicht ein Gegenstand im Raum, sondern eine Vision des Herzens« (siehe Kasten rechts).
All die wunderhaften und mythischen Züge in der Weihnachtsgeschichte - die Auftritte der verschiedenen Engel, die Jungfräulichkeit Marias, die Ankunft der Weisen - dienen letztlich dem einen Ziel: den Glauben derer, die diese Geschichten erzählt haben, zu verdeutlichen, und die Hörenden zum Glauben einzuladen. Damit ist natürlich nicht ausgeschlossen, dass es sich auch genauso wortwörtlich zugetragen haben mag, wie es in der Bibel steht. Aber der Glaube muss sich nicht unbedingt festmachen an historisch verbürgten Ereignissen.
IM PROLOG des Johannesevangeliums (Joh 1,1-14) wird dies noch einmal deutlich: »Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort … und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns.« Johannes scheut sich nicht, einen philosophischen Begriff seiner Gegenwart aufzunehmen - logos, »das Wort«. Dieser Begriff logos bezeichnet viel mehr als nur eine Ansammlung von Buchstaben oder Silben...
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