12. Reich Gottes

Wo ist das Reich Gottes? Die gesamte Verkündigung Jesu ist vom »Reich Gottes« oder vom »Reich der Himmel« geprägt. Diese »Königsherrschaft Gottes« hat einen zukünftigen Aspekt (»Dein Reich komme!«), aber vor allem einen gegenwärtigen: »Das Reich Gottes ist mitten unter euch«. Oder ist es inwendig in uns? » Weiterlesen!
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Ergänzende Texte zu dieser Folge:
Gottes Freiheitsbewegung
Glaubenskurs Teil 12: Jesu Predigt vom Himmelreich: Wo ist das Reich Gottes? Auf Erden? Im Jenseits?
Die gesamte Verkündigung Jesu ist vom »Reich Gottes« oder vom »Reich der Himmel« geprägt. Diese »Königsherrschaft Gottes« hat einen zukünftigen Aspekt (»Dein Reich komme!«), aber vor allem einen gegenwärtigen: »Das Reich Gottes ist mitten unter euch.« Oder ist es inwendig in uns?

Es muss sein Lieblingswort gewesen sein, so oft spricht Jesus vom Reich Gottes. »Das Reich Gottes ist nahe!« »Es kommt!« »Es ist mitten unter euch! »Es ist in euch!«, hat er seinen Zeitgenossen gesagt. Und wie ein Verliebter, der immer neue Namen erfindet für die Geliebte und in höchsten Tönen schwärmt von ihr, so hat Jesus Bild um Bild entworfen und viele Geschichten erzählt von diesem unfassbaren und doch so konkreten Reich Gottes.
Für uns ist dieser Begriff schwierig - mancher denkt beim Stichwort »Reich« noch an das unselige »tausendjährige Reich«, das Adolf Hitler der Welt aufzwingen wollte. »Reich« ist ein belastetes Wort. Herrschaft von Menschen über Menschen, Gewaltherrschaft verbinden wir damit und ein Territorium, das einem gehört, das einer verteidigt gegen andere.
Jesus nimmt dieses Wort bewusst in den Mund, gerade weil es dabei auch um politische Macht geht. Er hat es nicht erfunden, es steht in der langen Tradition von Propheten (Jesaja 24,23; 52,7; Sacharja 14,9), Psalmbetern (Psalm 47, 145,10-17) und apokalyptischen Schriften (Buch Daniel) im Volk Israel, die von der göttlichen Königsherrschaft reden. Und zwar auch als Ausdruck einer Heilsmacht, die gerade politische Unheilsmacht überdauert und zunichtemachen kann. In dieser Tradition hat der Schöpfer seinen Herrschaftsbereich im Himmel und damit korrespondierend im Tempelkult in Jerusalem. Sein heilsames Eingreifen, sein Reich, wird zukünftig erwartet, es ist noch nicht gegenwärtig, und es wird gewaltsam hereinbrechen und diese Welt vernichten, sagen die späten apokalyptischen Texte 200 Jahre vor Christus. Sie sind entstanden unter der schmerzhaften Erfahrung der damaligen Weltreiche, die einander seit dem 6. Jahrhundert v. Chr. ablösten: die Reiche der Assyrer, Babylonier, Perser, Ptolemäer und Römer. Dem Herrscherkult, der göttlichen Verehrung eines irdischen Machthabers setzte der Gottesglauben Israels seine Hoffnung auf ein Reich Gottes entgegen, in dem die ganze Schöpfung und der Mensch frei wird von Mächten, die knechten und unterdrücken.
JESUS NIMMT alle diese Traditionen auf und macht etwas ganz Neues daraus: Er verbindet die politische Metapher vom »Reich Gottes« mit einer zweiten, familiären Metapher, mit dem Bild von Gott als Vater. Im Vaterunser beten wir bis heute: »Vater unser im Himmel, dein Reich komme...« Gott kommt in seiner Königsherrschaft nicht als »König«, sondern als »Vater« zur Macht. Gott wird intimer, Gott kommt näher. Er holt ihn sozusagen vom Himmel herunter und macht die Türen des Tempels auf, ja kündigt seine Zerstörung an.
Es wird keinen Ort und keinen Augenblick auf dieser Erde geben, da der Mensch nicht in Gottes »Machtbereich« steht. Die Zugehörigkeit zu Gottes Reich entscheidet sich auch nicht mehr an den kultischen Reinheitsgeboten des Tempelkults - das Reich Gottes gehört den Armen (Matthäus 5,3), den Kindern (Markus 10,14), den Sündern (Zöllner und Prostituierte - Matthäus 21,28-32). Und es ist auch offen für die Fremden, die Heiden (Matthäus 8,11).
Schließlich macht Jesus aus der fernen Zukunft dieses Reiches unmittelbare Gegenwart. Mit ihm selbst ist es schon unter die Menschen gekommen (siehe seine Antwort auf die Frage Johannes d. Täufers in Matthäus 11, 2f). So kann er in drei Aspekten vom Reich Gottes reden: Von einem Reich, das in uns selbst sei, das in uns wachse und seiner Vollendung entgegenreife, spricht er einmal zu den Pharisäern (Lukas 17, 20f). In den Seligpreisungen (Matthäus 5, 3-11) spricht er von einem Reich, das unter den Menschen entstehen soll, dadurch, dass Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, Sanftmut sich durchsetzen und Friede wird und die zerstrittene Menschheit zu einer Gemeinschaft von Schwestern und Brüdern zusammenfindet. Schließlich spricht er von einem Reich, das entstehen wird nach dem großen Umbruch, der mit dem Ende der Geschichte der Menschheit verbunden ist (Markus 13, Matthäus 24).
Man hat an diesen Aspekten später extrem herumgezerrt: Das Reich Gottes wurde über viele Jahrhunderte in eine ferne Zukunft hinausverlegt. So konnte in dieser Welt alles beim Alten bleiben und die Kirche richtete sich satt ein in den Ordnungen dieser Welt. »Opium des Volkes« sei die Religion, stellte daraufhin Karl Marx fest. Und der französische Theologe Alfred Loisy prägte 1902 den Satz »Jesus verkündete das Reich Gottes - gekommen ist die Kirche«. Wer dieser verändernden Kraft, dieser unglaublich großen Hoffnung, dass die Welt und wir selbst nicht bleiben müssen, wie wir sind, den Zahn zieht, macht aus Gott und seiner Kirche einen Machtapparat, von dem Jesus sich gerade abgrenzen wollte.
DAS ANDERE EXTREM geschieht, wenn das Reich Gottes nur noch im Hier und Jetzt aufzugehen hat und es zur Aufgabe friedens- oder umwelt- oder gerechtigkeitsbewusster Christen wird, es aus eigener Kraft herbeizuzwingen. Auch zur Zeit Jesu wollten das viele - die Zeloten durch das Schwert und den Kampf gegen Rom, die Pharisäer durch peinlich genaue und vollständige Erfüllung des Gesetzes. Jesus setzt dagegen seine Gleichnisse vom Senfkorn, vom Sauerteig, von der selbst wachsenden Saat (Markus 4 und 5). Und was sie sagen wollen, ist deutlich: Gottes Macht fängt im Verborgenen an, lässt wachsen und wird schließlich in Herrlichkeit vollenden, was kein menschlicher Eifer hervorbringen und vollenden kann.
Schließlich die dritte Verzerrung: wenn Apokalyptiker sich aufschwingen, Zeit und Stunde zu berechnen, in der der große Weltuntergang geschehen wird, aus dem nur sie selbst als Gerettete hervorgehen. Welche Lust an der Zerstörung da plötzlich ans Licht kommt! Sie widerspricht fundamental dem, was sich durchsetzen wird im Reich Gottes, nämlich Liebe, Gerechtigkeit und Friede für diese Schöpfung. Und welche Angst vor der Begegnung mit Gott hier zum Tragen kommt, wenn der Tag errechnet werden und befürchtet werden muss.
Was für uns immer noch Gegensätze und unvereinbare Entweder-Oder sind: Innen oder außen, zukünftig oder gegenwärtig, menschengemacht oder gottgewirkt - das alles ist bei Jesus ein großes Ganzes.
Das Reich Gottes ist eine große Freiheitsbewegung, eine gelebte Exoduserfahrung, wie sie das Volk Israel im Zusammenhang mit dem ersten Gebot erinnert: »Ich bin Jahwe, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir« (2. Mose 20,2). Das Sklavenhaus ist nicht mehr Ägypten, sondern die Mächte, von denen Mensch und Welt befreit und erlöst werden in der Begegnung mit Jesus Christus.
Am deutlichsten wird das, wenn Jesus im Zusammenhang mit Exorzismen vom Reich Gottes redet: »Wenn ich mit dem Finger Gottes die Dämonen austreibe, ist das Reich Gottes zu euch gekommen« (Lukas 11,20). Wo der gute Geist Gottes Platz gewonnen hat, wird ein Mensch innerlich frei und das pflanzt sich nach außen fort und zieht Kreise. Am 28. August 1963 hielt Martin Luther King in Washington vor 250.000 Menschen seine berühmte Rede - »I have a dream«, »Ich habe einen Traum«.
Er formulierte in unsere Zeit hinein, wie ein Auszug aus dem Sklavenhaus oder das Freiwerden von Dämonen aussehen kann, wenn die Sehnsucht nach Gottes Reich einen antreibt: »Ich habe einen Traum, dass sich eines Tages diese Nation erheben wird und die wahre Bedeutung ihres Glaubensbekenntnisses ausleben wird: 'Für uns soll als selbstverständlich gelten - alle Menschen sind als gleich geschaffen.' Ich habe einen Traum, dass eines Tages auf den roten Hügeln von Georgia die Söhne früherer Sklaven und die Söhne früherer Sklavenhalter miteinander am Tisch der Brüderlichkeit sitzen können. Ich habe einen Traum, dass meine vier Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der man sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilt. Ich habe einen Traum, heute!« Dieser Traum ist noch nicht ausgeträumt, aber er hat unsere Welt grundlegend verändert.
Reich Gottes ist eine große Freiheitsbewegung. Reich Gottes ist auch eine große Liebesbewegung, wie sie sich im Glaubensbekenntnis »Schema Jisrael« (5. Mose 6,4) zum ersten Mal ausdrückt und von Schriftgelehrten, die Jesus begegnen, oft zitiert wird: »Du sollst Jahwe, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst« (Lukas 10,27). Zu dieser Liebe kann ein Mensch sich entscheiden. So erzählt Jesus von dem Kaufmann, der auf Reisen geht und gute, echte Perlen sucht. Er findet eine, die seine Augen übergehen lässt vor Freude: sie ist kostbarer und wertvoller als alles, was er bis dahin gesehen hat. Er geht nach Hause, verkauft sein Geschäft, seinen Besitz - alles, was er hatte -, kommt wieder und kauft die Perle (Matthäus 13,45f). Ein großer Liebesakt, kann man sagen. Hier setzt ein Mensch sein ganzes Herz für das ein, was größer ist als er selbst. Mit ganzer Seele, von aller Kraft und ganzem Gemüt wendet er sich diesem Schatz zu und lässt alles andere zurück.
Da wir Menschen uns aber gerne mit dem beschäftigen, was klar vor der Hand liegt oder was uns Nutzen verspricht, kann unsere Entscheidung auch ganz anders ausfallen: So erzählt Jesus von dem Mann, der ein großes Festmahl vorbereitet und viele Gäste einlädt. Aber jeder hat eine andere Ausrede zur Hand. »Ich habe einen Acker gekauft, ich muss hinaus und ihn besehen«, lässt der erste ausrichten. Der zweite hat zehn Ochsen gekauft und muss sie gerade jetzt abholen. Der dritte schließlich hat geheiratet und hat ganz andere Dinge im Kopf. Der Gastgeber wird daraufhin zornig und lässt seinen Boten auf die Plätze und Gassen der Stadt laufen und die Armen, Behinderten, Blinden und Lahmen einladen, er möchte, dass sein Haus voll wird an diesem Fest! (Lukas 14,16-24). Jesus sagt also: Ob das Reich Gottes kommt (im Bild als Festmahl erzählt), das entscheidet sich für dich heute, jetzt, in diesem Augenblick. Es ist auf jeden Fall »nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem heiligen Geist« (Römer 14,17).
Schließlich ein drittes Gleichnis, das erzählt: Gottes Reich beginnt in uns selbst. Wir sind der Acker, auf den Gott wie ein Bauer den Samen seines Wortes, seiner Liebe aussät. Manches fällt auf den Weg, und die Vögel picken die Körner weg, einiges fällt auf felsigen Grund und verbrennt in der Hitze des Tages, anderes schließlich ins Gestrüpp, wo es erstickt wird von Unkraut. Was aber in gute Erde fällt, bringt Frucht - hundertfach, sechzigfach, dreißigfach! (Matthäus 13,3-9). Jeder kann also wachsen lassen, was Gott gesät hat. So reift das Reich Gottes heran, in der eigenen Tiefe.
Täglich um dieses Reich Gottes zu bitten heißt, der größten Hoffnung Raum zu geben, die Menschen für sich und diesen Kosmos haben können. Es heißt auch wach bleiben in der Liebe. Jörg Zink beschreibt es einmal als »eine Art Gewebe…, das diese ganze Welt in sich zusammenhält, eine Art Netz in einer geistigen Feinstruktur, in der viel Nichtgeahntes geschehen, viel Unerwartetes begegnen, viel Undenkbares Wirklichkeit sein kann. Dann würden wir im Sinne seines 'Reichs Gottes' beim einfachsten Ding erwarten können, dass es dem achtsamen Auge durchscheinend wird auf eine feinere, geistigere, jedenfalls andere Art von Wirklichkeit, die in unserer Wirklichkeit verborgen ist« (Jörg Zink, Jesus-Funke aus dem Feuer, S. 77, Herder Verlag 2001).
