28. Calvin, Zwingli und die Reformierten

Johannes Calvin, Huldreich Zwingli und die reformierte Konfession: Calvin hat aus der Reformation ein Ereignis von globaler Nachhaltigkeit werden lassen. Was unterscheidet reformierte von lutherischer Theologie? » Weiterlesen!
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Ergänzende Texte zu dieser Folge:
Die andere Reformation
Glaubenskurs Teil 28: Johann Calvin, Huldreich Zwingli und die reformierte Konfession
Nein, Martin Luther in Wittenberg war es nicht allein. Auch in anderen Städten gab es reformatorische Aufbrüche, auch andere Reformatoren redeten und handelten in neuer evangelischer Freiheit. Neben Luther in Wittenberg ist dabei vor allem an Zwingli in Zürich und Calvin in Genf zu denken. Alle buchstabierten sie die befreiende Botschaft des Evangeliums neu, doch jeder etwas anders.
Doch wie war das mit Zwingli? Geboren wurde Huldreich (Ulrich) Zwingli 1. Januar 1484 in Wildhaus in der Schweiz. Er wurde Priester, zunächst 1506 in Glarus. In dieser Zeit nahm er auch als Feldprediger, also als Seelsorger in der Armee der Eidgenossen, an den italienischen Kriegen teil - dies prägte ihn. 1516 wurde er zum Priester an den Wallfahrtsort Einsiedeln berufen. Die Volksfrömmigkeit, die er dort erlebte, machte ihn kritisch etwa gegen Wallfahrten und auch den Ablass. Kritik übte er, auch vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen der Italienkriege, am Reislaufen, also am damals in der Schweiz üblichen Söldnerwesen für fremde Staaten.
Am 1. Januar 1519 wurde der kritische Priester ans Großmünster in Zürich berufen. Der Rat der Stadt hatte Interesse an einer Reform der Kirche, nicht zuletzt, um eigene Kompetenzen auszubauen. Zwingli schien solche reformerische Kraft zu besitzen.
Ein wichtiger Schritt auf diesem Weg war das Zürcher Wurstschnappen von 1522: Es kam in Zürich zu einem Fastenbrechen, man aß Wurst - und Zwingli verteidigte dies gegen geltende kirchliche Verbote. Damit dramatisierte sich die Situation. War es bislang eine innerkirchliche Reformbewegung, stand jetzt Grundsätzliches zur Entscheidung: ob in Kirche und Gesellschaft die alte Frömmigkeit samt päpstlicher Lehre oder der neue Glaube in Freiheit in Kirche zu gelten hat. Die Zürcher entschieden sich für die Reformation: 1523 wurde aus dem Zürcher Großmünsterstift die Prophezey, eine Bibelauslegeschule, 1524 wurden die Bilder in den Kirchen beseitigt, 1525 wurde eine Armenordnung und das Abendmahl eingeführt. 1531 starb Huldreich Zwingli im zweiten Kappler Krieg, den das evangelische Zürich mit katholischen Kantonen der Eidgenossenschaft führte.
Damit entwickelte sich die Reformation vom äußeren Ablauf her in Zürich in ähnlichen Schritten wie in Wittenberg und anderen Städten. Gab es aber auch Verbindungen der Reformatoren untereinander? Zunächst: Zwingli war wie Luther angetan von der Bibel: Aus ihr lebten die Reformatoren, für beide war das biblische Wort eine Richtschnur für den befreienden Glauben und die Veränderung in Kirche und Gesellschaft. Deswegen wurde auch für beide die Bibelübersetzung in die deutsche Sprache zu einem wesentlichen Punkt reformatorischer Bewegung. Luther übersetzte sie in »Eigenarbeit«, in Zürich geschah dies unter Zwinglis Anleitung in einer Gruppe in der Prophezey.
Noch heute sind beide Übersetzungen der Bibel - bei etlichen Überarbeitungen - in Gebrauch: die Lutherbibel auf der einen, die Züricher Bibel auf der anderen Seite. Für Zwingli war zudem die Lektüre der Schriften Luthers wichtig. Ermutigend für Zwingli war auch das Auftreten Luthers vor dem Papst 1519 in Leipzig und vor Kaiser und Reichstag 1521 in Worms. In der Sprache Zwinglis und als Motto für ihn lautet dies dann so: »Tut um Gottes willen etwas Tapferes.«
1529 kam es dann auch zu einem direkten Treffen zwischen Luther und Zwingli in Marburg. Zu prüfen war, ob die reformatorischen Bewegungen wirklich zusammenpassen. Der Prüfstein war das Verständnis des Abendmahls. Die Kernfrage war, wie denn die Gegenwart Gottes im Abendmahl zu beschreiben sei. Dass sie nicht an Brot und Wein festzumachen ist, dass Gott sich sozusagen materialisiert in den Elementen, dieses Denken wurde von beiden als katholisch-verengtes Denken abgelehnt.
Luther hielt aber auf andere Weise an der Gegenwart Gottes im Abendmahl fest, nämlich durch den Glauben: Der Glaube erfasst die gnädige Gegenwart Gottes beim Essen und Trinken, in der Gemeinschaft. Anders Zwingli: Gott ist nicht real gegenwärtig, sondern der Glaube erinnert sich an das letzte Abendmahl Jesu und erfasst damit, wo Jesus Christus jetzt ist: im Himmel als der Lebensspendende und Herrschende; Brot und Wein sind nur Zeichen dafür.
Für Luther ist das Heil ein reales Geschehen, das im Glauben ergriffen wird; für Zwingli eher ein geistig-geistliches Geschehen, das sich im Glauben eröffnet. Für beide waren diese Unterschiede so groß, dass am Ende die Abendmahlsgemeinschaft aufgekündigt wurde. »Sie haben einen anderen Geist«, stellte Luther fest. Das bedeutete Kirchentrennung. Die Reformation entwickelte sich auf zwei getrennten Bahnen: hier Lutheraner, dort die Reformierten. Dies war einer der Sündenfälle der damals noch jungen Reformation - und eine schwere Last für die Zukunft des europäischen Protestantismus. Denn die Glaubensstarre führte zu einem Glaubwürdigkeitsverlust.
Solche theologischen Denk-Unterschiede prägten auch die jeweilige Konfession. Lutherisches Denken konnte z.B. die Traditionen der Kirchen wie etwa die Perikopenordnung für die Predigtreihe oder die Bilder und Kunstschätze in den Kirchen in evangelischer Freiheit aufnehmen und fortführen. Reformiertes Denken war kirchlicher Traditionsbildung gegenüber kritisch. So trat etwa an die Stelle der Perikopenordnung die lectio continua, nach der Bücher der Heiligen Schrift nacheinander in der Predigt ausgelegt wurden. Die Bilder wurden wie in Zürich so auch in anderen Städten aus den Kirchen entfernt.
Warum es in reformierten Kirchen kein Kruzifix gibt
Dabei entwickelten sich evangelische Kirchen nebeneinander, manchmal gegeneinander. Noch bis ins 20. Jahrhundert hinein gab es in Bayern den Spruch, dass ein Lutheraner eher eine Katholikin heiraten dürfe als eine Reformierte. Und noch heute kann ein Reformierter einen Schock bekommen, wenn er in eine lutherische Kirche in Bayern tritt: Da hängt doch wirklich ein Kruzifixus, ganz real und körperlich! Bei den Reformierten gibt es nur ein schlichtes Kreuz, weil Christus doch zur Rechten Gottes sitzt. Im Gottesdienst wird der Introitus gesungen, im Abendmahl werden Hostien gereicht. Manche Reformierte verlassen auch dann schnell die Kirche in der Meinung, es wäre eine katholische.
Die Reformierten haben nicht nur Zwingli oder dessen Nachfolger Heinrich Bullinger in Zürich geprägt. Auch der Genfer Reformator Johannes Calvin, ein Reformator bereits der zweiten Generation, gehört dazu.
Johannes Calvin wurde am 10. Juli 1509 in Noyon in Frankreich geboren, also ein viertel Jahrhundert nach Luther und Zwingli. Die evangelische Lehre hatte sich schon verbreitet - wie aber kam Calvin dazu?
Zunächst studierte Calvin Theologie und Rechtswissenschaften und war ein Kenner der humanistischen Tradition. Während des Studiums in Paris kam er mit den Lehren Luthers in Berührung und wurde auch Mitglied eines Kreises evangelischer Christen, die sich heimlich trafen.
Einen reformatorischen Durchbruch wie Luther hatte Calvin nicht. Die evangelischen Perspektiven entwickelten sich langsam - aber ein wesentlicher Schritt dabei war die Antrittsrede des Rektors der Universität, Nikolaus Kop, eines Freundes Calvins an Allerheiligen 1533. An der Antrittsrede formulierte Calvin mit - und in dieser Rede wurde nun die alte katholische Glaubenslehre als Ketzerei bezeichnet und dagegen die Vorstellungen Luthers als rechtgläubig dargestellt. Zudem wurden die verfolgten Evangelischen verteidigt.
Wichtiger als die Liebe und die Gnade ist die Ehre Gottes
Es kam zum Eklat, Kop wurde angeklagt und musste fliehen. Calvin selber, so eine Geschichte, soll sich an einem Betttuch aus dem Fenster abgeseilt haben, während vorne die Verfolger ins Haus eindrangen.
Damit begann für Calvin ein unruhiges Leben. Nicht zuletzt um Ruhe in sein Leben zu bringen, ordnete Calvin seine Gedanken, die reformatorischen Einsichten reiften. Als Ergebnis dieses Reifeprozesses legte er die Institutio vor, seine Glaubenslehre. In der ersten Gestalt erschien sie 1536 und wurde bis 1559 fortlaufend erweitert. Sie gehört noch heute zur evangelisch-wissenschaftlichen Standard-Literatur, aus der Theologiestudierende ihr Wissen beziehen und ihre Reflexionsfähigkeit einüben können. Und wenn in Ungarn heute Theologiestudierende ins Examen gehen, reiben sie die Nase einer Calvin-Büste … Ob's hilft?
Eher durch Zufall kam Calvin 1538 nach Genf, um dort die reformatorischen Entwicklungen zu stabilisieren. Calvin wollte darüberhinaus - mit Askese und einer gewissen Sturheit - ein strenges Kirchenregiment, auch frei vom Staat, einführen. Doch die Genfer sind seinem rigiden Kurs nicht gefolgt. Er musste wieder einmal eine Stadt verlassen. 1540 jedoch wurde er zurückgerufen, blieb dort bis zu seinem Tod 1564 - und konnte die Reformation in Genf so prägen, dass daraus eine besondere Variante innerhalb des evangelischen und speziell des reformierten Protestantismus sich entwickelte, der Calvinismus. Für den Calvinismus sind vor allem zwei Elemente kennzeichnend: das Gottesbild und die Kirchenzucht.
Das Gottesbild ist weniger an der Idee der Liebe oder Gnade Gottes als vor allem an der Vorstellung der Ehre Gottes orientiert - eine Ehre, die zugleich eine Distanz zu den Menschen und eine gewisse Strenge ausmacht. Gott ist größer, ist erhabener, ungreifbarer, als wir Menschen es manchmal vermuten oder gerne hätten. Zu dieser Ehre Gottes gehört es, Menschen zum Heil zu erwählen, jenseits aller menschlichen Leistungen. Damit ist aber auch das andere gesagt: Wenn der Mensch nichts zu seinem Heil tun kann, dann kann er auch nichts zu seinem Unheil tun! Konsequent lässt Calvin Gott dann Menschen auch zur Verdammnis erwählen. Widerspricht es am Ende nicht der Ehre Gottes, Menschen auf ewig zu verwerfen? Diese dunkle Seite Gottes ist nur verständlich als die helle Rückseite der reinen Wahl aus Gnaden.
Diese Erwählungslehre hat aber Menschen immer wieder unter Druck gesetzt: Bin ich nun erwählt - oder nicht? Wenn ich schon nichts dazu tun kann, gibt es dann nicht vielleicht Zeichen der Erwählung? Sind Zweifel oder gar Verzweiflung schon indirekte Zeichen der Erwählung, weil damit der Blick auf Gottes Ehre geht? Und schließlich, hier kommt die Kirchenzucht ins Spiel: Ist nicht das eigene Glaubensleben Hinweis auf ein erwähltes Leben und zugleich Ort der Bewährung der Erwählung?
Das Stichwort für die Bewährung der Erwählung ist »Heiligung«. Heiligung heißt nicht, heilig zu werden durch allerlei Anstrengungen, sondern als Erwählter dem Heiligen Gott gehorsam zu sein, seine Gebote um seiner Ehre willen zu halten. Die Kirchenzucht ist dafür ein gutes Mittel: ein strenges, asketisches Moment vom Gottesdienstbesuch bis zur enthaltsamen Lebensführung. Hier kommt ein asketischer Charakterzug Calvins, aber auch ein durchaus modernes Lebensverständnis des Calvinismus zum Vorschein: Es geht darum, sine Pflicht in Treue und mit der Strenge der Vernunft zu erfüllen - Gott, dem Nächsten, der Gesellschaft gegenüber. Solche Lebensführung hat auch Schattenseiten: Der Theologe, Literat und geborene und gelernte Calvinist Klaas Huizing schreibt: »In meiner Gehirnkammer sind … Erfahrungen gespeichert: die Sonntagsheiligung, die Kirchenzucht und das Bilderverbot. … Ein Besuch von Lokalen, der Besuch des Feibads und der Besuch von Sportveranstaltungen waren verboten. … Bei groben Verstößen im alltäglichen Lebenswandel konnte der Kirchenrat sich ebenfalls dazu entschließen, sehr grob einzugreifen. …… Ich gehe heute mit gutem Gewissen an Sonntagen in Lokale oder ins Kino oder ins Theater. Aber die Entängstigung war ein langer Prozess, wahrscheinlich ein unvollendetes Projekt.« Umgekehrt aber könnte eine neue Form von Kirchenzucht dem Protestantismus weiterhelfen: die Freiheit, von der der Protestantismus lebt, eben nicht in kirchlicher Unverbindlichkeit zu belassen, sondern zu einem verbindlichen, das Gewissen, die Kirche und den Staat bindenden Geschehen werden zu lassen. Gefragt ist verbindliche Freiheit.
Die Reformatoren sind längst tot. Ihre Ideen haben sich weiterentwickelt, manche sind Gott sei Dank auch überholt. Reformatorische Kirchen kennen keine Kirchen-Ahn-Väter, sondern verdanken sich dem Impuls der evangelischen Freiheit - diese ist Motiv und bleibende Hoffnung, auch wenn Kirchen mit der Freiheit nicht immer etwas anfangen konnten. So hat es etwa bis 1973 gedauert, bis die evangelische Kirchen die Freiheit fanden, die evangelische Kirchentrennung aufzuheben und sich gegenseitig Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft eröffneten. Evangelische Freiheit ist ein unvollendetes, zukunftsoffenes Projekt.
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