26. Franz von Assisi

Der Begründer des Franziskanerordens predigte die Armut und lebte danach. Sein Versuch, die christliche Kirche zu reformieren, scheiterte. Dennoch gehört er zu den wichtigsten Gestalten der Christenheit. » Weiterlesen!
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Ergänzende Texte zu dieser Folge:
Keine Angst vor der armen Kirche
Glaubenskurs Teil 26: Franz von Assisi: Armut, Aufbruch und Gottesnähe
Der Begründer des Franziskanerordens predigte die Armut und lebte danach. Sein Versuch, die christliche Kirche zu reformieren, scheiterte. Dennoch gehört er zu den wichtigsten Gestalten der Christenheit.

Ein Mensch ändert sein Leben radikal. Seine bisherigen Werte zählen nicht mehr. Alles wird anders. Franziskus von Assisi erlebte eine solche Wende in seinem Leben. Dante, der große italienische Dichter, schrieb später über ihn: Wie eine Sonne ging er in der Welt auf. Denn das neue Leben des Franziskus sollte vielen Menschen eine Perspektive, Licht und Wärme bringen.
Aber der Reihe nach: Geboren wurde Franziskus um die Jahreswende 1181/82 als ältester Sohn des Tuchhändlers Pietro Bernadone und dessen Frau Pica in dem kleinen Städtchen Assisi in Umbrien. Während die Kirche damals an moralischer Glaubwürdigkeit verloren hatte und das zerrissene Italien von Bürgerkriegen und Gewalt bestimmt wurde, erlebte das Bürgertum damals einen großen Aufschwung. Handel, Geldbesitz und die gesellschaftliche Stellung der Patrizier in den Städten gewannen an Bedeutung.
Als Sohn eines reichen Händlers standen einem die Türen ins gesellschaftliche Leben weit offen. Franziskus verbrachte eine wohlbehütete, finanziell gesicherte Kindheit, bekam eine gute Bildung und wuchs in das Geschäft des Vaters mit hinein. Weltlichen Genüssen war er als junger Mann keineswegs abgeneigt und galt als lustiger, lebensfroher Jüngling. Sein Ziel war eine Karriere als Ritter. Und so zog er im Jahr 1202, etwa 20-jährig, in den Städtekrieg zwischen Assisi und Perugia. Dort geriet er in Gefangenschaft und wurde erst etwa nach einem Jahr gegen eine hohe Lösegeldzahlung freigelassen. Die Gefangenschaft hatte ihn verändert. Seine Leichtlebigkeit und Lebensfreude waren dahin, und er begann, einen tieferen Sinn in seinem Leben zu suchen.
IM JAHR 1205 HAT FRANZISKUS ein einschneidendes Erlebnis, das sein Leben verändern sollte: Er betet in dem kleinen, halb verfallenen Kirchlein San Damiano unterhalb von Assisi vor einem Christusbild, das man heute noch in der Kirche von Santa Chiara in Assisi betrachten kann. Da hört er Christus plötzlich zu sich sprechen: »Francesco! Geh und stell mein Haus wieder her, das ganz zerfällt!« Er folgt dieser Stimme und versteht sie zunächst ganz wörtlich: Zahlreiche Tuchballen seines Vaters werden verkauft, und Franziskus gibt den Erlös dem Pfarrer von San Damiano, damit er das Kirchlein wieder herrichten kann. Sein Vater tobt und klagt ihn öffentlich an, sein Vermögen zu vergeuden. Da zieht Francesco vor den Augen des verdutzten Mannes mitten auf dem Marktplatz und vor den Augen des Bischofs seine Kleider aus, wirft sie dem Vater vor die Füße und rennt nackt aus der Stadt - der endgültige Bruch mit der bürgerlichen Familie.
Kurz darauf trifft ihn während einer Messe ein Wort Jesu mitten ins Herz: »Ihr sollt nichts mit auf den Weg nehmen, weder Stab noch Tasche, weder Beutel noch Geld« (Lukas 9,3). Franziskus legt seine Schuhe ab, zieht sich die einfache Kutte der Berghirten an, vertauscht den Ledergürtel mit einem Strick - und das spätere Ordensgewand der Franziskaner ist geboren. Er macht sich als »Poverello«, als Ärmster der Armen, auf Wanderschaft und zieht predigend durch Umbrien. Bald schließen sich ihm andere Männer an, die ebenso fasziniert sind von den Idealen des späteren Bettlerordens. 1210 zieht Franziskus mit zwölf Gefährten nach Rom, wo Papst Innozenz III. die erste einfache Ordensregel bestätigt - die Geburtsstunde des Franziskanerordens. Zwei Jahre später, 1212, gründet Klara von Assisi, eine Freundin und Weggefährtin des Franziskus, den weiblichen Zweig der Franziskaner, den Klarissenorden (auch »Zweiter Orden« genannt).
DER BETTLERORDEN findet starken Zustrom und wächst. Von den Benediktinern bekommt Franz das Kirchlein Maria degli Angeli und ein Stück Land geschenkt. Er nennt es »Portiuncula« (»kleines Teilchen«) und errichtet neben der Kirche ein Haus, das zum Stammkloster der Franziskaner wird. Von hier aus ziehen die Brüder - paarweise, wie in der Bibel gefordert -, zum Predigen aus, unternehmen auch weite Reisen. Franz reist 1212 nach Dalmatien und 1213 bis 1215 nach Spanien. Doch nicht nur im Predigen erschöpft sich seine Tätigkeit. Immer wieder wird Franziskus gebeten, in politischen Konflikten zu vermitteln und zu schlichten. In Bologna gelingt es ihm, eine blutige Erbfeindschaft zwischen zwei Adelsgeschlechtern zu beenden. In Assisi geht 1210 der »ewige Vertrag« zwischen Adel und Volk auf sein Konto: Befreiung der Leibeigenen, Gleichstellung der Dorfbewohner mit den Städtern, Amnestie für Verbannte und Verzicht des Adels auf manche Privilegien.
Heilsame Solidarität mit den einfachen Menschen
Er bringt sozusagen ein erstes Sozialgesetz auf den Weg. Während des fünften Kreuzzuges im Jahr 1219 versucht Franziskus, eine Alternative zu den blutigen Kämpfen aufzuzeigen, und sucht das Gespräch mit Sultan Melek-al-Kamil. Zwar gelingt es ihm nicht, den Moslem zum Christentum zu bekehren, jedoch erreicht er immerhin, dass der Sultan einen Waffenstillstand anbietet. Ein erstes positives Beispiel für interreligiösen Dialog! Zu Franz' großem Bedauern ist es jedoch die christliche Seite, die den Waffenstillstand schließlich bricht.In ihrem Alltag betteln die Brüder nicht einfach und leben auf Kosten anderer, sondern sie versuchen, ihren Lebensunterhalt durch Gelegenheitsarbeiten, etwa bei Bauern oder in Lepra-Häusern, zu verdienen. Sie singen und predigen auf Märkten und sprechen damit zahlreiche Menschen an. »Was sind wir Knechte Gottes anderes als herumziehende Sänger und Spielleute, welche die Herzen der Menschen bewegen und zur geistlichen Freude erheben wollen?«, fragt Franz. Das ist eine neue Art, den Armen zu helfen: nicht von oben herab, aus gesicherter Position heraus, sondern indem man sich den Armen gleichstellt und lebt wie sie.
Und es ist eine neue Art, das Evangelium zu predigen: nicht das Drohen mit Höllenqualen und Verbreiten von Angst, sondern die Botschaft von der Liebe und vom Erbarmen Gottes. Eine heilsame Solidarität mit den einfachen Menschen ist es, die Franziskus in der Nachfolge Christi zu leben versucht. Er hat großen Erfolg damit. Eigentum isoliert - das ist für Franziskus eine elementare Erfahrung, die wohl schon in seiner Familie wurzelt: Wie soll ein Mensch Jesus und seine Mitmenschen lieben, wenn er an seinem Besitz und seiner Macht hängt? Materielle Sicherheiten stören die Hingabe an Gott. Das Ideal der Armut und Bescheidenheit ist deshalb das A und O für Franziskus, weil Armut in seinen Augen die Voraussetzung für Freiheit ist. Und dieses Ideal spricht immer weitere Kreise an. Auch Laien und Verheiratete drängen bald immer mehr in den Franziskanerorden. Für sie gründet Franz 1221 den sogenannten »Dritten Orden« und öffnet damit einem weiteren Personenkreis den Zugang zu den »Minderen Brüdern«. Im November 1223 approbiert Papst Honorius III. die neu gefasste Franziskaner-Ordensregel, die nun »die Endgültige« genannt wird.
Franziskus zeichnet sich durch seine tiefe Liebe zu allen Geschöpfen aus. Er nennt die Tiere seine »Brüder und Schwestern«, spricht mit ihnen und drückt seine Gedanken in wunderbaren, poetischen Texten aus (z.B. der »Sonnengesang«). Höchst kreativ und anschaulich betreibt er seine Verkündigung: So zieht er am Heiligen Abend des Jahres 1223 mit einigen Mitbrüdern aus seinem Kloster aus. Mitten in einem Wald stellen die Männer vor einer Höhle eine Futterkrippe auf. Von einem Bauern leihen sie sich einen lebendigen Ochsen und einen Esel aus. Am Abend feiern sie in dieser Szenerie im Wald von Greccio ihre Weihnachtsmesse.
Die erste Darstellung der Szene von Bethlehem! Bis heute gilt Franz von Assisi deshalb als Erfinder und »Vater der Weihnachtskrippe«. Franz hat das Bestreben, den Menschen die biblischen Erzählungen möglichst sinnenfällig und plastisch vor Augen zu führen. Er will damit auch die ungebildeten, einfachen Menschen erreichen. Glaube ist für ihn niemals eine Bildungsfrage. Seinen Mitbrüdern verbietet er deshalb kategorisch den Besitz von Büchern; Belesenheit und Gelehrtentum verführen seiner Meinung nach nämlich allzu leicht zu Arroganz.
Für sich selbst verfolgt Franziskus vor allem ein Bestreben: Er will Christus immer ähnlicher werden. Am 24. September 1224 empfängt er während einer Ekstase auf dem Berg La Verna angeblich die Wundmale Christi.
Franz, der sein Leben lang Diakon bleibt und die Priesterweihe aus Bescheidenheit ablehnt, muss in den letzten Lebensjahren schwere körperliche Leiden ertragen. Wegen seiner unermüdlichen Missionstätigkeit und seiner streng asketischen Lebensweise ist sein Körper (den er »Bruder Esel« nennt) ausgezehrt und erschöpft. Starke Gliederschmerzen schränken seine Beweglichkeit weitgehend ein, dazu quälen ihn Magen- und Darmkrämpfe.
Als er wegen einer schmerzhaften Augenentzündung schließlich auch noch zu erblinden droht, bringt man ihn im Sommer 1226 nach Siena in die Medizinische Schule. Doch Franz spürt bereits, dass sein Leben zu Ende geht und diktiert seinem Nachfolger, Bruder Elias, sein Testament. Man bringt ihn daraufhin auf einer Bahre zurück in sein geliebtes Portiuncula. Der Zug wird streng bewacht, denn bereits vor seinem Tod lauern Reliquienjäger und Räuber, die sich von den Überresten seines Körpers das große Geschäft versprechen. Ein ruhiger Tod ist es nicht, den der 44-Jährige am 3. Oktober 1226 schließlich sterben darf.
BEREITS ZWEI JAHRE NACH SEINEM TOD, am 16. Juli 1228, wird Franz von Assisi heilig gesprochen. Am Tag zuvor legt Papst Gregor IX. den Grundstein zur Basilika S. Francesco, wo später in der Unterkirche an einem geheimen Ort seine Gebeine beigesetzt werden. Erst 1818 hat man das Grab schließlich gefunden und schuf jene Grabkapelle, die bis heute von zahlreichen Menschen besucht wird.
Trotz der Verehrung des Heiligen Franziskus konnte sich sein Armutsideal innerhalb der Kirche jedoch nicht durchsetzen. Hundert Jahre nach dem Tod des Ordensgründers lässt Papst Johannes XXII. einige Franziskaner auf dem Scheiterhaufen verbrennen. »Eine große Sache ist die Armut«, heißt es in der dazugehörigen päpstlichen Bulle, »aber das größte Gut ist der vollkommene Gehorsam«. In diesen Sätzen spiegelt sich ein Konflikt, den die Kirche bis heute nicht gelöst hat. Bedingungslose Solidarität mit den Armen beinhaltet notwendigerweise zugleich einen selbstkritischen Blick auf eigene Machtstrukturen, Besitz und Wohlstand. Die franziskanische Forderung nach Verzicht auf Geld und Macht bleibt eine Herausforderung für jede christliche Gemeinschaft.
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