21. Paulus

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Ergänzende Texte zu dieser Folge:
Der erste Theologe
Glaubenskurs Teil 21: Paulus der Völkerapostel und seine Predigt vom gekreuzigten Christus
Paulus gilt als Begründer des Christentums. Seine Deutung des Heilsgeschehens, seine Missionsreisen und seine Briefe haben die christliche Religion maßgeblich geprägt.

Paulus von Tarsus ist nach biblischer Überlieferung der erste und wichtigste Theologe der christlichen Kirche. Als griechisch gebildeter Jude und gesetzestreuer Pharisäer verfolgte er zunächst die Anhänger Jesu. Doch durch eine Erscheinung des Auferstandenen vor den Toren von Damaskus fühlte er sich plötzlich dazu berufen, vor allem Nichtjuden für das Evangelium zu gewinnen. Im Rahmen dreier Missionsreisen gründete er vor allem in der heutigen Türkei und in Griechenland eine Reihe von Gemeinden, die er durch seine Briefe weiterhin begleitete.
Insbesondere der Römerbrief und die beiden Korintherbriefe bieten ein umfassendes theologisches System, welches das Leben und die Lehre Jesu aufnimmt und zugleich interpretiert. Die Deutung des Paulus hat Maßstäbe gesetzt: Theologen wie Augustinus, Martin Luther und Karl Barth haben in der Begegnung mit dem Römerbrief ihre Lebenswende erlebt. Seit der Aufklärung verstehen viele Denker - unter anderen Friedrich Nietzsche und Hannah Arendt - Paulus als den eigentlichen Gründer des Christentums.
Die einzige Quelle für das Leben und Werk des Paulus ist das Neue Testament. Dies unterscheidet Paulus von Jesus, für den es mehrere außerbiblische und sogar außerchristliche Nachweise (z.B. bei Flavius Josephus und Plinius dem Jüngeren) gibt. Im Neuen Testament stehen dreizehn Briefe, die Paulus zugeschrieben werden. Aber nur sieben Briefe werden von der modernen Forschung als »echte Paulusbriefe« anerkannt: Der Römerbrief, der 1. und 2. Korintherbrief, der Galaterbrief, der Philipperbrief der 1. Thessalonicherbrief und der Philemonbrief. Diese Briefe sind in den Jahren 50 bis 60 entstanden und enthalten neben einigen biografischen Notizen die Grundzüge der paulinischen Theologie.

Die Apostelgeschichte des Lukas berichtet von der Bekehrung des Saulus zum Paulus, von seinen drei Missionsreisen in die heutige Türkei und nach Griechenland sowie von seiner Reise nach Rom. Sechs Briefe wurden in den Jahren 70 bis 100 von Schülern des Paulus verfasst: der Epheserbrief, der Kolosserbrief, der 2. Thessalonicherbrief, der 1. und der 2. Timotheusbrief sowie der Titusbrief. Diese Briefe unterscheiden sich in Form und Inhalt von den oben genannten, erlauben aber wichtige Rückschlüsse auf die Wirkungsgeschichte des Paulus.
Paulus wurde in den Jahren 5 bis 10 nach Christus in der griechisch geprägten Hafenstadt Tarsus am Mittelmeer geboren. Tarsus gehörte damals zur römischen Provinz Kilikien und liegt heute im Süden der Türkei an der Grenze zu Syrien. Paulus stammte aus einer strenggläubigen jüdischen Familie, ererbte aber von seinem Vater das römische Bürgerrecht.
Der Evangelist Lukas führt ihn zunächst mit seinem jüdischen Vornamen »Saulus« ein. Dieser Name erinnert an Saul, den ersten König Israels, der wie Saulus zum Stamm Benjamin gehörte. Nach der Bekehrung des Saulus verwendet Lukas nur noch den Beinamen »Paulus«, der auf Griechisch »der Kleine« bedeutet. Dieser Namenswechsel ist der Ursprung für die im Deutschen geläufige Redewendung »vom Saulus zum Paulus werden«. Paulus selbst verwendet in seinen Briefen den Namen »Saulus« jedoch nie und stellt den Namenswechsel auch nicht in einen Zusammenhang mit seiner Bekehrung.
Wie aus der Apostelgeschichte hervorgeht, wuchs Paulus in Jerusalem auf, er besuchte eine Thoraschule und studierte bei dem bekannten Theologen Gamaliel. Darüber hinaus erwarb er sich umfassende Kenntnisse in der griechischen Philosophie und Rhetorik. Neben seiner akademischen Ausbildung erlernte Paulus das Handwerk des Zeltmachers. Diesen Beruf übte er später - parallel zu seinem Predigtdienst - in der Regel nachts aus.
BIS ZU SEINER BEKEHRUNG war Paulus ein überzeugter Jude, genauer gesagt ein Pharisäer, der nicht nur an sich selbst, sondern auch an seine Glaubensbrüder hohe Ansprüche stellte. Im Auftrag des Hohen Rates verfolgte er Judenchristen, die sich nicht mehr uneingeschränkt an die Regeln der Thora hielten. Wie der Evangelist Lukas berichtet, nahm Saulus die Steinigung des Stephanus billigend zur Kenntnis (Apostelgeschichte 7,58).
Umso größer erscheint der Kontrast zur Bekehrung des Saulus, die Lukas wenig später erzählt (Apostelgeschichte 9,1-19). Mit einer Vollmacht des Hohenpriesters reiste er von Jerusalem nach Damaskus, um dort die Anhänger des »neuen Weges« festzunehmen. Doch vor den Toren von den Damaskus traf ihn plötzlich ein Lichtstrahl vom Himmel, er stürzte zu Boden - von einem Pferd ist nicht die Rede - und hörte, wie eine Stimme ihn fragte: »Saul, Saul, warum verfolgst du mich?« Er antwortete mit einer Gegenfrage: »Wer bist du, Herr?« Darauf sagte sein Gegenüber: »Ich bin Jesus, den du verfolgst.«

Wie Lukas weiter berichtet, war Paulus nach seiner Bekehrung zunächst blind. Er musste von seinen Begleitern nach Damaskus geführt werden. Dort begegnete ihm jedoch ein Christ namens Hananias, der ihm durch Handauflegung das Augenlicht wieder schenkte. Durch die Taufe wurde Paulus dann von einem Verfolger zu einem Verfolgten. Seine Flucht aus Damaskus war abenteuerlich: Er wurde bei Nacht in einem Korb von der Stadtmauer heruntergelassen.
Paulus selbst erwähnt seine Begegnung mit dem auferstandenen Christus mehrmals, schildert aber nicht den Vorgang, sondern nur die Wirkung. Er reiht sich ein in die Liste der Auferstehungszeugen (1.Korinther 15,8) und betont seine Berufung zum Völkerapostel (Galater 1,15f.). Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass Paulus sich selbst »Apostel« nennt, während Lukas ihm diesen Titel verweigert. Nur ein einziges Mal spricht Lukas von den »Aposteln Barnabas und Paulus« (Apostelgeschichte 14,14), versteht diese aber offensichtlich nicht als Mitglieder des Zwölferkreises. Denn für Lukas ist Matthias der zwölfte Apostel, dessen Wahl die durch den Tod des Judas entstandene Lücke schließt (Apostelgeschichte 1,26). Ob sich Paulus - anstelle von Matthias - als der von Gott erwählte zwölfte Apostel gesehen hat, bleibt offen.
Fest steht, dass sich Paulus und Jesus nie persönlich begegnet sind. Jesus wurde um das Jahr 30 in Jerusalem gekreuzigt. Und die Bekehrung des Paulus wird auf das Jahr 33 datiert. Um das Jahr 35 reiste Paulus zum ersten Mal als Christ nach Jerusalem. Nach einem längeren Aufenthalt im syrischen Antiochien, der ersten heidenchristlichen Metropole, reiste er um das Jahr 46 wieder in das judenchristliche Jerusalem und nahm am Apostelkonzil teil. Anlass für dieses Konzil war eine Kontroverse zwischen Paulus und Petrus, der die Heidenchristen auf das jüdische Gesetz verpflichten wollte. Dass dieser Konflikt heftiger war, als von Lukas beschrieben, lässt sich nicht nur an der Schilderung des Paulus erkennen (Galater 2,11ff.), sondern auch an der Tatsache, dass der Konzilsbeschluss (Apostelgeschichte 15,29) in der frühen Kirche kaum noch Beachtung fand.
An das Konzil schließen sich die drei großen Missionsreisen an. Ausgangspunkt für die Datierung dieser Reisen ist eine Angabe des Lukas. Danach wurde Paulus gegen Ende seines Aufenthalts in Korinth dem römischen Statthalter Lucius Junius Gallio vorgeführt (Apostelgeschichte 18,12). Nach einer in Delphi gefundenen Inschrift bekleidete Gallio dieses Amt in den Jahren 51 und 52. Zudem erwähnt Lukas ein Edikt des Kaisers Claudius, nach dem im Jahr 49 alle Juden die Stadt Rom verlassen mussten (Apostelgeschichte 18,2). Diese beiden Daten sind die Fixpunkte, an denen sich die Chronologie der Missionsreisen und der Paulusbriefe orientiert.
Auf seiner ersten Missionsreise besuchte Paulus in den Jahren 46 und 47 die Insel Zypern und den Süden der heutigen Türkei. Danach überwarf er sich mit seinem bisherigen Reisebegleiter Barnabas und wählte sich Silas als neuen Begleiter. Seine zweite Missionsreise führte ihn in den Jahren 48 bis 51 zunächst wieder in die Türkei. Aufgrund eines Traums reiste er jedoch weiter nach Griechenland. Die Purpurhändlerin Lydia und der Kerkermeister von Philippi gelten als die ersten Christen Europas. Von 52 bis 56 lebte Paulus vermutlich in Ephesus und schrieb die Mehrzahl seiner noch heute erhaltenen Briefe. Auf seiner dritten Missionsreise besuchte er in den Jahren 56 und 57 noch einmal die von ihm gegründeten Gemeinden. Zugleich sammelte er Geld für die verarmte Gemeinde in Jerusalem.
Im Jahr 57 reiste er ein letztes Mal nach Jerusalem, um die Kollekte zu überbringen und zugleich das Vertrauen der judenchristlichen Gemeinde zurückzugewinnen. Trotz dieser guten Absicht löste er einen Aufruhr aus. Darum wurde er von den römischen Behörden in Schutzhaft genommen. Weil er sich auf den Kaiser berufen hatte, wurde er nach zweijähriger Gefangenschaft in Cäsaräa im Jahr 59 nach Rom überstellt. Trotz eines Schiffbruchs bei Malta kam er im Jahr 60 wohlbehalten in der Hauptstadt an. Dort genoss Paulus - trotz seines Status als Gefangener - relative Freiheit. Er hatte eine eigene Wohnung in Rom (Apostelgeschichte 28,30) und plante sogar eine Reise nach Spanien (Römer 15,28).
Wie der 1. Clemensbrief behauptet, soll Paulus zusammen mit Petrus in Rom den Märtyrertod erlitten haben. Möglicherweise sind beide Apostel - wie die am Ende des 2. Jahrhunderts entstandenen apokryphen Paulusakten berichten - der Christenverfolgung unter dem römischen Kaiser Nero im Jahr 64 zum Opfer gefallen.
DIE THEOLOGIE DES PAULUS ergibt sich vor allem aus dem Römerbrief und aus seinem kleinen Bruder, dem Galaterbrief. Im Gegensatz zu Jesus stellt Paulus nicht den Vater im Himmel und das unmittelbar bevorstehende Reich Gottes in den Mittelpunkt, sondern die Person des Heilsmittlers: Jesus von Nazareth ist für ihn der Christus des Glaubens. Seine zentrale Aussage lautet: Jesus Christus ist für unsere Sünde gestorben und wurde zu unserem Heil wieder auferweckt. Die Aneignung dieses Heils erfolgt nur durch den Glauben, aber nicht durch die Befolgung des Gesetzes. Mit dieser Überzeugung hebt Paulus den Unterschied zwischen Judenchristen und Heidenchristen auf und legt zugleich den Grundstein für die Abspaltung des Christentums vom Judentum. Dies bedeutet jedoch nicht, dass Paulus alle Gesetze frei gibt: »So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung« (Römer 13,10), »Denn das ganze Gesetz ist in einem Wort erfüllt: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!« (Galater 5,14).
IM MITTELPUNKT DER VERKÜNDIGUNG steht für Paulus das Wort vom Kreuz, das für ihn kein Symbol des Scheiterns, sondern ein Zeichen der Überwindung ist. Durch seinen Kreuzestod und seine Auferstehung besiegte Jesus Christus den Tod und die Sünde, die Mächte des alten Zeitalters. Dieses Geschehen hat nach der Überzeugung des Paulus eine Bedeutung über Golgatha hinaus: Die Glaubenden wurden mit Christus gekreuzigt, auferweckt und verherrlicht (Galater 2,20; Epheser 2,5-7). In Christus sind die Glaubenden in ein neues Zeitalter der Heilsgeschichte eingegangen (Römer 6). Der glaubende Mensch erhält schon jetzt eine völlig neue Existenz (1. Korinther 15) und kann nach dem Tod die Auferstehung erwarten.
Die Botschaft vom Kreuz verteidigt Paulus sowohl gegenüber der jüdischen Theologie als auch gegenüber der griechischen Philosophie: »Die Juden fordern Zeichen, und die Griechen fragen nach Weisheit. Wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit« (1. Korinther 1,22f.).
Trotzdem wird diese Botschaft immer wieder in Frage gestellt. Der bayerische Pfarrer Claus Petersen gründete im Jahr 2002 mit 20 Weggefährten die Initiative »Reich Gottes - jetzt!«. Bei seinen Gottesdiensten im Nürnberger Hauptbahnhof entfaltet er seine Theologie. Die grundlegende These lautet: Das Leben Jesu muss zugunsten seiner Botschaft befreit werden von der paulinischen Deutung. So ist die Kreuzigung Jesu für Petersen kein Heilsereignis, sondern ein sinnloser Gewaltakt, der im Gegensatz zu dem von Jesus gepredigten Reich Gottes steht. Das Christentum ist damit jedoch seiner Heilsbotschaft beraubt.
Paulus baute eine Brücke zum modernen Menschen
Radikaler als Claus Petersen ist Paulus selbst. Ausgerechnet der Mann, der an der Entstehung und Ausbreitung des Christentums so entscheidenden Anteil gehabt hat, schreibt in seinem 1. Brief an die Korinther: »Und ich will euch noch einen besseren Weg zeigen« (12,31). Mit diesen Worten beginnt ein Exkurs, der das ganze Kapitel 13 umfasst und heute als »Das Hohelied der Liebe« bezeichnet wird. Erstaunlicherweise spricht dieses Lied an keiner Stelle von Gott oder von Jesus: »Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, ... sie lässt sich nicht erbittern, ... sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles. Die Liebe hört niemals auf«.
Es gibt keinen Trautext, der so häufig von Brautpaaren gewünscht wird wie dieser. Das ist gewiss kein Zufall. Denn dieser Text bildet eine Brücke - nicht nur zwischen Mann und Frau, sondern auch zwischen den Konfessionen und den Religionen. Er ist zugleich eine Brücke zwischen der christlichen Tradition und dem modernen Menschen, der im Innersten seines Herzens glaubt, aber seinen Glauben nicht mehr in der Sprache und den Dogmen der Kirche formulieren kann oder will. Das Hohelied der Liebe spricht von Gott, ohne seinen Namen zu nennen.
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