Gesprächsimpuls
Die gescheiterte Bewerbung
Der Dekan war verzweifelt. Drei Stunden lang hatte er mit den Kirchenvorstehern einer fränkischen Landgemeinde über die Neubesetzung der einzigen Pfarrstelle diskutiert. Der Landeskirchenrat hatte den üblichen Dreiervorschlag präsentiert. Doch keiner der drei Kandidaten war den Kirchenvorstehern gut genug. Der eine war ihnen zu fromm, der andere zu liberal und der dritte zu profillos.
Der Dekan wartete einen Augenblick und zog dann - zur allgemeinen Überraschung - noch eine vierte Bewerbung aus der Tasche. »Der vierte Kandidat ist fast 60 Jahre alt«, erklärte der Dekan. »Er ist unverheiratet und arbeitet gerne nachts«. Seinen jugendlichen Fanatismus habe er glücklicherweise abgelegt. Trotzdem komme es häufig zum Streit mit den jeweiligen Amtsbrüdern. In keiner Gemeinde sei er länger als drei Jahre geblieben.
»Seine Predigten sind so lang, dass die Zuhörer manchmal einschlafen«, sagte der Dekan. »Er lässt Frauen nicht gerne zu Wort kommen, jedenfalls nicht im Gottesdienst«. Schon mehrmals sei er mit dem Gesetz in Konflikt gekommen und habe einige Jahre seines Lebens im Gefängnis verbracht. Nun sei er auf Kaution wieder frei und suche neue berufliche Herausforderung. Er sei zwar gesundheitlich stark angeschlagen, hoffe aber, dass Gott ihm die nötige Kraft für seinen Dienst geben werde.
Der Dekan schloss mit der Bitte, dem vierten Bewerber eine Chance zu geben. »Ausgeschlossen«, riefen die Kirchenvorsteher. Da lächelte der Dekan und sagte: »Ich gratuliere Ihnen. Sie haben soeben den Apostel Paulus abgelehnt!« (NN)
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