Die Heilsbotschaft des Christentums

Statue des Apostels Paulus auf dem Petersplatz in Rom, 1461 von Paolo Romano. Von Pfarrer Dr. Claus Petersen, Nürnberg

Klarstellung zu Bemerkungen von Niko Natzschka zu meinem theologischen Ansatz in seinem Artikel »Der erste Theologe. Glaubenskurs Teil 21: Paulus der Völkerapostel und seine Predigt vom gekreuzigten Christus« in: Sonntagsblatt Nr. 42 vom 18. Oktober 2009

»Nicht Paulus vor Jesus, nicht Barth ohne Franz; / die Botschaft des Nazareners ist Freude und Tanz. / Der Himmel auf Erden, Gottes Reich in der Welt, / Gerechtigkeit, Frieden, das ist es, was zählt. / Die Kirche hat Zukunft, / und so macht sie auch Sinn, / for the times they are a-changin'.« Diesen Zeitenwechsel, weg von der Kreuzestheologie des Paulus, hin zur Botschaft Jesu vom Reich Gottes hier und jetzt und mitten unter uns, den wünsche ich mir nicht nur, er ist längst im Gange. Und dies gilt beileibe nicht nur hinsichtlich der »Ökumenischen Initiative Reich Gottes – jetzt!«, die in diesem Jahr allein im Rahmen zweier großer Akademie-Tagungen wieder auf ihr Anliegen aufmerksam machen konnte. Immer mehr Menschen stimmen dem Beginn der Liedstrophe zu.

Im Mittelpunkt des paulinischen Evangeliums steht die Botschaft vom Kreuz, der Glaube, dass Jesus den Menschen durch seinen Martertod das Heil erworben habe. Die Strafe, die wir Menschen für unsere Schuld verdient hätten, habe er freiwillig auf sich genommen. Gott, den Paulus auch »Vater« nennt (die Anführungszeichen setze ich im Blick auf das Folgende ganz bewusst), habe »seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns alle dahingegeben« (Römer 8,32). Wer dies glaubt, hat Teil am ewigen Leben, alle anderen werden Gottes Zorn zu spüren bekommen (Römer 5,8). »Rächt euch nicht selbst, meine Lieben«, rät Paulus der Gemeinde in Rom, »sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben: ‚Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr’.« (Römer 12,19) Paulus mutet der Gemeinde zwar zu, Böses mit Gutem zu vergelten (12,21), aber indem er auf die Vergeltung von Bösem mit Bösem durch Gott verweist. Der einzelne Christ soll keine Gewalt gebrauchen, aber nicht etwa, weil das Reich Gottes eine gewaltfreie Welt und Gesellschaft ist, sondern weil Gott im Endgericht sich als Gott der rächenden Gewalt erweisen und die Sühne einfordern wird von all denen, die nicht an Christus glauben, und zwar als den für unsere Sünden Gekreuzigten. (Jochen Vollmer)

Es ist richtig: Mich befreit, erfüllt, beflügelt eine solche Lehre nicht. Alle, für die Vernunft und Menschlichkeit unveräußerliche Gottesgaben sind, können hinter ein solches »Evangelium« nur ein dickes Fragezeichen setzen. Verkündigt Paulus wirklich eine Heilsbotschaft? Auch Niko Natzschka sollte sich ernsthaft diese Frage stellen. Gegen seinen Vorwurf, mein jesuanischer Ansatz und die damit verbundene Kritik der paulinischen Kreuzestheologie beraubten das Christentum seiner Heilsbotschaft, verwahre ich mich vehement. Mir geht es ja gerade darum, an die wirkliche Heilsbotschaft des Christentums zu erinnern, nämlich an das Evangelium Jesu vom Reich Gottes, einer Welt des Friedens und der Gerechtigkeit, der Gewaltfreiheit und der Liebe, einer Welt, in der es keine Kreuze mehr gibt. Dies war und bleibt die Keimzelle des Christentums. Und, das alles Entscheidende der Jesusbotschaft: Diese Welt kommt nicht erst, sondern sie ist da, greift um sich und breitet sich unaufhaltsam aus. Da werden die Niedrigen erhoben und die Gewaltigen vom Thron gestoßen.

Jesu Kreuzigung ist deshalb alles andere als ein sinnloser Gewaltakt. Da muss Niko Natzschka mich gänzlich missverstanden haben. Im Gegenteil: Die Römer wussten ganz genau, was sie taten, und warum sie es taten: um diesen Botschafter einer Welt, wie sie sein soll, und zwar jetzt, einer Welt, die jetzt endlich zu dem wird, wie Gott sie gemeint hat, einem Garten Eden, in dem alle im Einklang mit der Natur einen Platz haben, endgültig zum Schweigen zu bringen. Und beinahe wäre es ihnen auch gelungen. Zum Glück aber gab es schon damals ein paar Menschen, die die Botschaft des Nazareners nicht in Vergessenheit geraten lassen wollten. Sie haben sie aufbewahrt, so dass wir sie heute dank wissenschaftlich-exegetischer Methodik wieder identifizieren können. Paulus gehört leider nicht zu ihnen. Für ihn spielte das Evangelium Jesu von der Präsenz des Reiches Gottes nicht die geringste Rolle. Lehre und Leben Jesu hat er gerade nicht aufgenommen, sondern ausschließlich seinen Tod am Kreuz. Der eigentliche Quantensprung der Jesusbotschaft ist ihm völlig entgangen, nämlich dass Gottes Welt nicht erst kommt – am Jüngsten Tag, mit Jesu Wiederkunft –, sondern dass sie angebrochen, dass sie da ist. Wir leben im Reich Gottes, das ist die Heilsbotschaft des Christentums.

»O aller Welt Verlangen, o meiner Seelen Zier«. So lautet das Motto des diesjährigen Weihnachtsgottesdienstes im Nürnberger Hauptbahnhof. Alle Welt verlangt nach nichts anderem als nach der guten Botschaft von der Gerechtigkeit und dem Frieden, dem Reich Gottes jetzt. Sie ist Glanz und Zierde jedes einzelnen Menschenlebens. Der Gottesdienst findet am 24. Dezember 2009 um 14 Uhr in der Mittelhalle des Nürnberger Hauptbahnhofs statt.